Der ERP-Markt befindet sich in einer tiefgreifenden Transformation: KI-Agenten, modulare Cloud-Architekturen, Datenökonomie und digitale Souveränität verändern die Grundlagen unternehmerischer Wertschöpfung. Für Schweizer KMU geht es längst nicht mehr nur um Software, sondern um strategische Entscheidungen mit weitreichenden Auswirkungen. Vier Branchenexperten zeigen, welche Weichen jetzt gestellt werden müssen – und warum Abwarten keine Option mehr ist.

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Der Schweizer ERP-Markt 2026: Mehr als ein technologischer Wandel
Der Schweizer ERP-Markt verändert sich schneller als je zuvor. Etablierte Monolithen geraten zunehmend unter Druck, während modulare Cloud-Architekturen, KI-Agenten und konversationelle Interfaces das Fundament für die digitale Zukunft legen. Doch heute geht es nicht mehr nur um die Technologie: Fachkräftemangel, regulatorische Anforderungen, steigende Cyberrisiken und geopolitische Abhängigkeiten erhöhen den Druck auf Schweizer KMU.
Vier Branchenexperten zeigen im topsoft 4x4 Interview, warum Datenqualität, Partnerwahl und organisatorische Veränderungsfähigkeit heute über die Wettbewerbsfähigkeit von morgen entscheiden.
Wir haben die wichtigsten Aussagen in diesem Artikel zusammengefasst.
Warum starre ERP‑Landschaften an ihre Grenzen kommen
Jahrelang galten ERP-Systeme in vielen Unternehmen als etwas, das man eben einfach haben musste – zuverlässig, stabil, aber kein Treiber von Innovationen.
Viele dieser Systeme sind im Laufe der Zeit zu schwer beweglichen Monolithen geworden. Ihre geschlossenen Strukturen bremsen viele Unternehmen zunehmend aus. Doch dies wandelt sich: Das ERP entwickelt sich vom statischen Datenlager zur lebendigen, agilen Business‑Plattform.
Doch diese Entwicklung ist nicht freiwillig: Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen regelrecht zur Automatisierung, regulatorische Anforderungen erhöhen den Druck auf Datenqualität und die Geschwindigkeit des Marktes lässt kaum noch Verzögerungen zu.
Für Schweizer KMU ist dies eine strategische Weichenstellung – nicht nur technologisch, sondern organisatorisch und wirtschaftlich.
Markt im Wandel: Konsolidierung, Modularität und Polarisierung
Die Dynamik im Schweizer Markt ist bemerkenswert. Lokale Anbieter werden zunehmend von grösseren Unternehmen übernommen, während der Druck in Richtung Cloud-SaaS-Modelle weiter steigt. Gleichzeitig spaltet sich der Markt: Auf der einen Seite globale Plattformen, auf der anderen hochspezialisierte lokale Anbieter. Der Mittelbau dünnt aus.
In diesem Spannungsfeld gewinnt das Konzept des «Composable ERP» an Bedeutung: Weg von der eierlegenden Wollmilchsau, hin zu modularen Architekturen.
Philipp Fux und Silvan Wyden, CEOs von braintec, bringen es auf den Punkt: «Der Schweizer ERP-Markt verlagert sich derzeit von monolithischen Legacy-Systemen hin zu modularen, flexiblen Composable-ERP-Architekturen.»
Mit dieser Modularität geht eine stärkere native Integration einher. Unternehmensbereiche wie Sales, Produktion und HR wachsen enger zusammen. Das reduziert Integrationskosten und entschärft jene Schnittstellen, die früher oft als Schwachstellen wirkten und zu unerwarteten Brüchen führten.
Fabian Schläpfer, Geschäftsführer von Swiss21.org AG, ergänzt: Die zunehmende Konsolidierung – auch durch ausländische Investoren – bringe zwar Innovation, stelle KMU aber vor die Frage nach langfristig stabilen Partnern.
Auch Uwe Singer, CEO der Boreas AG, mahnt zur Vorsicht: «Die Wahl des Partners wird strategischer. Nähe, Mitgestaltung, Datensouveränität und Einführungskompetenz werden wichtiger als reine Konzernstärke.»
Für KMU bedeutet das: Gerät ein lokaler Partner in den Einflussbereich globaler Konzerne, kann die Mitgestaltung über Nacht verloren gehen. Ein Partner auf Augenhöhe ist daher eine – wenn auch nicht die einzige – Absicherung gegen Vendor Lock-in.
KI im ERP: Vom Hype zur operativen Realität
Künstliche Intelligenz wird oft als digitales Allheilmittel vermarktet – ein Marketingnebel, der jedoch viele Unternehmen eher betäubt als befähigt. Doch wer den Blick hinter die Werbefloskeln wagt, erkennt ein differenziertes Bild:
Heute ist KI nicht mehr nur Zukunftsmusik, sie hält zunehmend Einzug in operative ERP‑Prozesse: In Workflows, im Customizing, in der Dokumentation, im Forecasting und in der Automatisierung.
Ein oft übersehener Hebel liegt laut Uwe Singer im Customizing: KI beschleunigt Anpassungen, verbessert Dokumentation und Codequalität und verkürzt Projektlaufzeiten – mit direktem Einfluss auf die Implementierungskosten.
Loris Gautschi, CEO der it5solutions GmbH, mahnt jedoch zur Realitätstreue: «Ein vollständig autonomes ERP-System bleibt vorerst Zukunftsmusik: KI arbeitet heute stark statistisch und hat bei völlig neuen Situationen noch klare Grenzen. Ohne saubere Datenbasis produziert die KI lediglich ‹hochglanzpolierten Ausschuss›.»
KI entwickelt sich vom Add-on zu einem zentralen Bestandteil vieler moderner ERP‑Roadmaps. Aber KI ist eben auch nur so gut wie die Daten, auf denen sie basiert. Datenqualität wird damit zum Produktionsfaktor der KI-Ökonomie.
Die «Human-in-the-loop»-Validierung bleibt unverzichtbar, um Fehlentscheidungen durch fehlerhafte Modelle zu verhindern.
Digitale Souveränität: Der Schweizer Heimvorteil
Im globalen Wettbewerb mit US-Hyperscalern kann die Schweiz eine entscheidende Nische besetzen. «Swissness» bedeutet im ERP-Kontext digitale Souveränität: Lokale Anbieter, die Schweizer Standards und regulatorische Feinheiten präziser beherrschen als globale Standardlösungen.
Ein zentraler Aspekt ist die Eliminierung von Medienbrüchen. Schweizer KMU müssen Informationen nahtlos durch ihre Prozesse führen – und lokale Anbieter liefern dafür nicht nur die passende Architektur, sondern auch das nötige Prozess-Know-how.
Loris Gautschi bestätigt: «Glaubwürdigkeit und Differenzierung entstehen durch Digitale Souveränität. Viele Schweizer Firmen lösen sich von proprietären Plattformen globaler US-Anbieter, um ihre Daten zu schützen und Kontrolle zurückzugewinnen.»
Digitale Souveränität wird damit zum Standortfaktor – und zur Überlebensstrategie.
Vision 2031: Das ERP verschwindet – und wird mächtiger denn je
Bis 2031 wird das ERP-System sein vertrautes Gesicht verlieren. Klassische Dashboards und Menümasken weichen konversationellen Interfaces, die den Umgang mit Unternehmenssoftware grundlegend verändern. ERP wird unsichtbarer, aber dadurch bestimmt nicht trivialer.
Fabian Schläpfer beschreibt diesen Wandel so: «Mit agentenbasierten Ansätzen sagen wir dem System direkt, was wir erledigen wollen, statt uns durch Masken zu klicken. Wir verstehen KI als Ergänzung menschlicher Fähigkeiten: Erfahrung und Kreativität werden durch Rechenleistung erweitert.»
Damit zeichnet sich die Vision eines operativen Self-Driving-ERP ab, das Prozesse autonom steuert und auf Echtzeit-Datenmodellen basiert. Doch auch diese Entwicklung ist kein Selbstläufer.
Philipp Fux und Silvan Wyden betonen: Unternehmen müssen ihre Daten professionalisieren und vereinheitlichen, um in der kommenden KI-Ökonomie wettbewerbsfähig zu bleiben.
Die Professionalisierung der Datenqualität im Jahr 2026 ist damit die Eintrittskarte für die KI-Ökonomie von 2031. Wer seine Daten heute nicht im Griff hat, wird von der Automatisierungswelle nicht etwa getragen, sondern regelrecht überrollt.
Gleichzeitig zeigt sich: Der Engpass ist nicht die Technologie, sondern die Organisation. Die Geschwindigkeit des Wandels überfordert tatsächlich viele Teams. Mitarbeitende müssen definitiv befähigt werden, sonst bleibt das Potenzial ungenutzt – wie schon in den 1990ern bei der Einführung der damaligen ERP-Systeme.
Fazit: Strategische Imperative für KMU
ERP-Projekte sind auch heutzutage keine reinen IT-Projekte, sondern umfassende Business-Transformationen.
Die Interviews zeigen vier klare Imperative:
- Prozesse radikal klären – Medienbrüche eliminieren, Abläufe entschlacken.
- Daten professionalisieren – Datenqualität ist der Produktionsfaktor der KI-Ökonomie.
- Partner strategisch wählen – Nähe, Spezialisierung und Datensouveränität schlagen Konzernstärke.
- Mitarbeitende befähigen – Das Team muss die neuen Werkzeuge nicht als Bedrohung, sondern als Befreiung von Routinearbeiten begreifen.
Die aktuellen Weichenstellungen sind keine lästige Pflicht, sondern eine einmalige Chance. Wer starre ERP‑Landschaften modernisiert und auf modulare, intelligente Systeme setzt, sichert sich den entscheidenden Vorsprung in einem immer schneller getakteten Marktumfeld.
Der Autor

Cyrill Schmid ist Managing Partner bei topsoft und leitet auch das topsoft Consulting-Netzwerk. Seit fast 30 Jahren begleitet er Unternehmen bei der Auswahl und Einführung von Business-Software und bringt Klarheit in komplexe IT-Fragen.