Wie geistiges Eigentum zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird

21.10.2026
3 Min.

Unter dem Motto Next Generation beleuchtete das KMU Fachforum 2026, wie kleine und mittlere Unternehmen technologische Entwicklungen, Nachfolgefragen und die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle gestalten. In der Keynote zeigte Andreas Felsl, Mitgründer der Bieler Uhrenmarke Horage, warum geistiges Eigentum (IP) für KMU zu einer strategischen Kernkompetenz geworden ist – und wie man sich damit in einem von Konzernen dominierten Markt behaupten kann.

 

Andreas Felsl von Horage sprach am KMU Fachforum 2026 (Bild topsoft)

 

Vom Uhrwerk-Monopol zur eigenen Technologieplattform

Die Gründung von Horage war eine direkte Reaktion auf die damalige Monopolstellung der Swatch Group bei mechanischen Uhrwerken. Als klar wurde, dass die Lieferungen eingestellt würden, entschied sich das Team für den riskanten, aber strategisch entscheidenden Schritt: Die Entwicklung eines eigenen Uhrwerks. Rund 35 Millionen Franken investierte das Unternehmen in diese «Core Asset»-Klasse – denn das Uhrwerk bestimmt letztlich die Preissetzungsmacht einer Uhr. Felsl formuliert es so: «Eine Erfindung ist nicht gleich eine Innovation – sie wird zu einer Innovation wenn sie Wert schafft für den Benutzer.»

Horage versteht sich als technologiegetriebene Manufaktur. Der Ansatz «Technology Driven Craftsmanship» verbindet traditionelle Uhrmacherei mit digitaler Produktentwicklung, Cloud-First-Organisation und einem eigenen Softwareteam. Diese Struktur ermöglicht hohe Geschwindigkeit und flexible Produktion («High Mix, Low Volume») – ein seltener Ansatz in der Schweizer Uhrenindustrie.

Superchronometrie und die ferngesteuerte Präzision

Ein Schwerpunkt der Keynote war die Entwicklung einer mechanischen Uhr, deren Präzision nach dem Verkauf vom Besitzer selbst nachreguliert werden kann ohne die Uhr zu öffnen. Damit adressiert Horage ein Grundproblem mechanischer Uhren: Gangabweichung verursacht durch Umgebung, dem Einfluss der Schwerkraft und dem Trageverhalten. Die Technologie stellt eine Herausforderung für etablierte Marken wie Omega und Rolex dar deren Markenversprechen Qualität durch Präzision ist. Die Technologie zielt auf einen Markt von rund 1,7 Millionen hochpräzisen mechanischen Uhren, wobei auch herkömmliche mechanische Uhrwerke significant verbessert werden können ohne die Kosten zu treiben.

IP als strategische Waffe – und als langfristiges Spiel

Felsl betonte mehrfach, dass geistiges Eigentum weit mehr ist als ein juristisches Schutzrecht. IP sei eine der wichtigsten «Core Asset Klassen» eines Unternehmens und müsse von der Geschäftsführung selbst verstanden werden. «Patente sind nie rechtsfähig, wenn sie keinen Rechtsstreit überstanden haben.» Ein Konflikt sei oft ein Zeichen dafür, dass eine Idee wirtschaftlich relevant ist: «Wenn dich jemand verklagt, ist das vielleicht gar nicht so schlecht.»

Horage führte drei grosse IP-Auseinandersetzungen, um Zugang zu Schlüsseltechnologien zu sichern und die eigene Innovationsfreiheit zu verteidigen. Dabei setzte das Unternehmen bewusst auf asymmetrische Strategien – etwa das Anfechten von Patenten grosser Konkurrenten, statt sofort eigene anzumelden. Die Kosten eines Rechtsstreits (600'000 bis 800’000 Franken) seien kalkulierbar, so Felsl: «Risiko hat einen Preis. Ungewissheit ist schlecht – sie hat keinen.»

IP-Management sei ein Prozess über 10 bis 20 Jahre und dürfe nicht vollständig an Anwälte delegiert werden. Führungskräfte müssten Patente selbst lesen, die Materie verstehen und IP als «strategisches Hobby» begreifen.

Marke schlägt Patent – und warum Horage auf «Swiss Made» verzichtet

In der Uhrenindustrie werden die grossen Streitigkeiten oft über Marken geführt. «Patente sind irgendwann weg. Die Marke bleibt.» Das Label «Swiss Made» sei zwar mächtig, aber durch die 60%-Regel auch einschränkend. Horage setzt stattdessen auf «Biel/Bienne» – ein bewusster Entscheid zugunsten von Substanz, Geschwindigkeit und der Freiheit, weltweit die besten Lieferanten zu wählen.

Führung, Team und der Umgang mit Angst

Trotz hohem Druck und persönlicher Belastung – Felsl spricht offen über ein Burnout – blieb der Zusammenhalt im Team entscheidend. Seine wichtigste Botschaft: «Es werden viel zu viele Ängste verbreitet. Angst entsteht meistens aus Unwissenheit.» Wissen, Transparenz und das Verständnis für IP seien daher zentrale Faktoren, um als KMU im «Haifischbecken» der Schweizer Uhrenindustrie bestehen zu können.

 

Andreas Felsl ist Mitgründer der Bieler Uhrenmarke Horage

 

 

KMU Fachforum - Erfahrung teilen und Zukunft gestalten

Dieses Referat hielt Andreas Felsl am KMU Fachforum 2026. Seit 2023 treffen sich im Spätsommer Vertreterinnen und Vertreter aus Schweizer KMU im idyllischen Heuboden, um sich zu aktuellen Themen auszutauschen, zu netzwerken und voneinander zu lernen. Die nächste Ausgabe findet am 26. August 2027 statt. Aktuelle Informationen zum KMU Fachforum finden Sie jederzeit auf www.kmu-fachforum.ch.