Für Business Software-Hersteller gehen zurzeit zwei veritable, KI-getriebene Schreckgespenster umher: Die Zerstörung des herrschenden Geschäftsmodells des «Per User-Pricing» oder – noch viel schlimmer – gleich die komplette Abschaffung des ERP, so wie wir es heute kennen. Investoren von SAP, Salesforce und Konsorten scheinen das eine oder andere zu befürchten, was anfangs Jahr zu einer Börsenwertvernichtung von fast einer Milliarde Dollar im Segment «Software & Services» geführt hat. Was steckt dahinter?
Kolumne von Urs Prantl
Schreckgespenst Nummer 1, die (mögliche) Erosion des «Per User-Pricing»: Softwarehersteller verkaufen und lizenzieren ihre Software seit jeher an einzelne Benutzer. Entweder «named» (eins-zu-eins personenbezogen) oder «concurrent» (maximale Anzahl gleichzeitiger User). Mit dem Resultat, dass die Softwareeinnahmen mit der Anzahl der Benutzer der Software stetig steigen. Was weiter zur Folge hat, dass sich Softwareverkäufer primär auf Kunden mit grossen Userzahlen stürzen und weniger auf Kunden, die effizienzgesteuert mit möglichst wenig Mitarbeitenden maximale Renditen erwirtschaften wollen.
KI könnte diesen nun einen Strich durch die Rechnung machen, indem die Business Software künftig immer weniger von Menschen und dafür vielmehr von KI-Agenten benutzt wird. Damit sinken die Userzahlen (drastisch), die Softwarekunden werden aber nicht weniger profitabel – idealerweise wirtschaftlich sogar noch viel erfolgreicher, und die Softwarehersteller schauen mit ihrem Preismodell in die Röhre. Höchste Zeit also, das Geschäftsmodell von «Geld für Nutzung» auf «Geld für Ergebnis» – neudeutsch «Value based Pricing» umzustellen?
Do-it-yourself als Schreckgespenst Nummer 2
Aller Ungemach zum Trotz, irrt auch noch Schreckgespenst Nummer 2 durch die Gänge: Kunden «bauen» sich ihre Business Software künftig mit Hilfe von KI gleich selbst: Wenn sogar Microsoft verlauten lässt, dass bereits ein Drittel des Produktcodes mit Hilfe von KI «programmiert» wird, dann scheint etwas Grosses im Busch zu sein. Extrapoliert man Microsofts Aussage bei gleichzeitiger Extrem-Geschwindigkeit der KI-Entwicklung in die kurz- und mittelfristige Zukunft, dann verstehe ich Investoren und Softwarehersteller, die im Minimum Sorgenfalten, wenn nicht sogar kalte Füsse bekommen.
Was bedeutet das alles für die Hersteller von Business Software? Technologischen Wandel in der noch jungen Softwareentwicklung gab es von Beginn weg. «Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit» – galt immer schon. Mit dem grossen Unterschied: Der KI-getriebene Wandel läuft erkennbar um Faktoren schneller ab als jede andere Tech-Transformation davor. Warten, bis Kunden unverkennbar ihr Verhalten ändern und entweder ihre Userzahlen in der Software drastisch reduzieren und/oder (Teile ihrer) Software gleich selbst bauen, könnte sich fatal auswirken.
Auch wenn zweifelsohne vieles, was unter KI «verkauft» wird, sich als Hype ohne nachhaltige Wirkung entpuppen könnte. Die Frage ist bloss, was davon ist heisse Luft und was wird die Welt verändern? Ich weiss es auch nicht. Umso mehr empfehle ich allen Softwareherstellern dringendst, eng am Thema «Software mit KI» dranzubleiben und die rasante Entwicklung mitzudenken, zu experimentieren und jederzeit dazu bereit zu sein, entweder nach links, nach rechts oder weiterhin geradeaus zu gehen. Die Weggabelung, die über Untergang oder KI-gestützten Supererfolg entscheidet, könnte deutlich rascher kommen, als wir denken.
Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 26-1
Das Schweizer Fachmagazin für Digitales Business kostenlos abonnieren
Abonnieren Sie das topsoft Fachmagazin kostenlos. 4 x im Jahr in Ihrem Briefkasten.