Wenn Souveränität zur Systemfrage wird

03.09.2026
3 Min.

Wie macht man Produktionsdaten über Unternehmensgrenzen hinweg transparent und schützt sie gleichzeitig vor Cyberkriminalität und Industriespionage? Die Antwort ist Shared Sovereignty: Branchen teilen sich Infrastruktur und Kosten für souveräne Datenräume und behalten dabei die Kontrolle über ihre eigenen Daten.

 

Symbolbild topsoft

 

Mit der europäischen Ökodesign-Verordnung (ESPR) [1] und dem darauf aufbauenden Digitalen Produktpass verändert sich die Datenpraxis der Fertigungsindustrie grundlegend. Denn Automobilzulieferer, Maschinenbauer und Elektronikhersteller sind beim Produktpass zwingend auf das Teilen von verlässlichen, standardisierten Daten ihrer Vorlieferanten angewiesen. Denn sie müssen diese Informationen dann mit den eigenen Produktionsdaten anreichern und wiederum nahtlos an den nächsten Akteur in der Kette weitergeben, sodass der fertige Produktpass am Ende ein Gemeinschaftswerk vieler Akteure entlang der Kette ist [2].

Gleichzeitig wächst der Druck auch von der anderen Seite, da zunehmende Cyberkriminalität und gezielte Industriespionage Unternehmen dazu zwingen, ihr digitales Prozesswissen so gut wie möglich zu schützen [3]. Im Spannungsfeld zwischen Offenlegungspflicht und Wahrung von Betriebsgeheimnissen hat sich inzwischen ein neues industrielles Prinzip etabliert: die sogenannte Shared Sovereignty.

Der Alleingang wird zur Sackgasse

Eine vollständig eigenständige Daten- und Cloudinfrastruktur aufzubauen, übersteigt für die meisten mittelständischen Betriebe jedoch schlicht deren verfügbare Mittel [3]. Die nötigen Investitionen sind ohnehin schon hoch, und mit ihnen wachsen auch die laufenden Betriebskosten stetig weiter. Zertifizierungen nach Gaia-X oder den Kriterien des BSI verlangen zudem regelmässige Audits und binden über Monate hinweg Fachpersonal, das dann an anderer Stelle im Tagesgeschäft schmerzlich fehlt [3]. Hinzu kommt, dass qualifizierte IT-Kräfte ohnehin schon knapp sind, und das trifft ausgerechnet Open-Source-Lösungen besonders hart. Ihr offener Quellcode macht sie zwar grundsätzlich vertrauenswürdig, weil sich jeder Schritt darin nachvollziehen lässt, doch genau deshalb braucht ihr Betrieb überdurchschnittliches Fachwissen, an dem es vielen Unternehmen fehlt [3]. In der Summe wird der digitale Alleingang für viele Unternehmen so zur wirtschaftlichen Sackgasse.

Kosten und Kontrolle lassen sich teilen

Genau hier setzt der Gedanke der Shared Sovereignty an. Betriebe einer Branche oder Region schliessen sich zu gemeinsamen Cloud-Ökosystemen zusammen, die von vornherein auf ihre fachlichen und regulatorischen Anforderungen zugeschnitten sind [3]. Diese Rechnung geht deshalb auf, weil sich Zertifizierungsaufwand und Infrastrukturkosten auf viele Schultern verteilen. Ein einzelnes Unternehmen muss damit nicht mehr jede Prüfung selbst durchlaufen, sondern kann einem bereits abgesicherten Verbund beitreten [3]. Wer sich anschliesst, behält dabei die volle Kontrolle über die eigenen Daten, denn eine integrierte Data Governance stellt sicher, dass jedes Mitglied weiterhin selbst über deren Nutzung bestimmt [3].

Manufacturing-X liefert den technischen Rahmen

In der Fertigungsindustrie trägt die Brancheninitiative Manufacturing-X diesen Gedanken geteilter Souveränität nun in die Praxis. Anstatt Produktionsdaten auf einem gemeinsamen Server abzulegen, laufen sie direkt zwischen den beteiligten Partnern hin und her, sodass jedes datenerzeugende Unternehmen die rechtliche und tatsächliche Kontrolle über seine eigenen Datensätze behält [2]. Damit zwei Fabriken dieselben Angaben, etwa zu CO₂-Werten oder Materialeigenschaften, auch wirklich gleich verstehen, ist zusätzlich ein gemeinsames Vokabular notwendig. Genau dafür sorgt ein einheitliches digitales Abbild, die sogenannte Verwaltungsschale, die für jedes Bauteil und jede Maschine dieselben Merkmale in maschinenlesbarer Form hinterlegt [2]. Erst darüber lässt sich schliesslich auch regeln, wer zur Nutzung welcher Daten überhaupt berechtigt ist, denn digitale Nutzungsverträge legen fest, zu welchem Zweck und für wie lange ein bereitgestellter Datensatz verarbeitet werden darf [2].

Wie das genau aussieht, unterscheidet sich je nach Branche deutlich. In der Automobilindustrie hat sich mit Catena-X längst ein einheitlicher, streng genormter Datenraum durchgesetzt, während der vom Mittelstand geprägte Maschinen- und Anlagenbau mit smartMA-X eher auf eine flexiblere Lösung setzt, die individuelle Maschinenkonfigurationen berücksichtigt, ohne dass ein Hersteller sein Prozesswissen preisgeben muss [2].

KI-Agenten verschärfen die Souveränitätsfrage

Die Dringlichkeit dieser Architektur wächst nun zusätzlich durch den Vormarsch agentischer KI. Gartner geht davon aus, dass bis Ende 2026 rund 40 Prozent aller Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische Agenten enthalten werden [4]. Sobald solche Agenten unternehmensübergreifend arbeiten, rückt damit eine zentrale Frage der Datensouveränität in den Vordergrund: Welche Daten darf ein fremder Agent überhaupt einsehen, und wer kontrolliert diesen Zugriff?

Dieselbe Logik, die Manufacturing-X zwischen Unternehmen durchsetzt, ist dann letztlich auch innerhalb der eigenen Firmenmauern relevant. Durch das ERP-System muss klar geregelt sein, auf welche internen Daten ein Agent zugreifen darf, in welchem Prozesskontext er agiert und welche Freigaben dafür erforderlich sind. ERP-Anbieter wie Proalpha entwickeln vor diesem Hintergrund genau jene Rollen-, Regel- und Protokollmechanismen, die eine kontrollierte Öffnung nach aussen technisch überhaupt erst möglich machen.

Fazit: Souveränität entsteht nicht durch Abschottung

Am Ende läuft beides auf denselben Grundgedanken hinaus. Datensicherheit entsteht durch kontrollierte Öffnung, nicht durch Abschottung. Wer seine Daten sicher, standardisiert und nachvollziehbar teilen kann, wird zum bevorzugten Partner in globalen Lieferketten, während allen anderen der Marktausschluss droht. Egal, ob Daten nach aussen in einen föderativen Datenraum fliessen oder nach innen an einen KI-Agenten übergeben werden – wie souverän sie sich nutzen lassen, hängt letztlich von der Qualität der eigenen Datenbasis ab.

Quellen:

[1] Europäische Union (2024): Verordnung (EU) 2024/1781 zur Festlegung eines Rahmens für die Festlegung von Ökodesign-Anforderungen für nachhaltige Produkte (ESPR):
eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1781/oj/eng
[2] Beyond Buzzwords (August 2026): Datensouveränität als Wettbewerbsvorteil – Wie Manufacturing-X und der Digitale Produktpass die industrielle Wertschöpfung verändern:
beyondbuzzwords.de/blog/warum-datensouver%C3%A4nit%C3%A4t-zur-%C3%BCberlebensfrage-f%C3%BCr-den-mittelstand-wird
[3] Golem.de (3. August 2026): Shared Sovereignty – Souveräne Cloud ohne Millionenbudget:
www.golem.de/news/shared-sovereignty-souveraene-cloud-ohne-millionenbudget-2608-211220.html
[4] Gartner (2026): Innovation Insight: AI Is on the Cusp of Reshaping ERP:
www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2025-08-26-gartner-predicts-40-percent-of-enterprise-apps-will-feature-task-specific-ai-agents-by-2026-up-from-less-than-5-percent-in-2025

 

 

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