Im September 1991 wurde Linux 0.01 veröffentlicht. 35 Jahre später ist aus dem Projekt eines finnischen Studenten eine der Grundlagen der digitalen Welt geworden. Die Geschichte von Linux steht zugleich für den Aufstieg von Open Source: Was lange als Spielwiese für Entwickler galt, ist heute Grundlage professioneller IT – und ein milliardenschweres Geschäft. Doch wann wurde aus der offenen Softwarebewegung ein tragfähiges Geschäftsmodell? Und welche Rolle spielt Open Source heute für Sicherheit, Unabhängigkeit und digitale Souveränität? Fünf Vertreter deutscher Open Source-Unternehmen ziehen Bilanz.

Symbolbild von Oluwaseun Duncan via Pexels
Der Durchbruch von Open Source kam nicht auf einen Schlag. Peter Ganten, CEO von Univention und Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance, sieht die Professionalisierung zur Jahrtausendwende. „Erfolgreiche Geschäftsmodelle im Umfeld von Open Source-Software gibt es spätestens seit Anfang der 2000er Jahre“, sagt er. Ein wichtiger Meilenstein sei die Einführung von Enterprise-Subskriptionen gewesen. „Damit wurde erstmals nachgewiesen, dass Open Source-Software auch im hochpreisigen Enterprise-Segment einen Wert schafft, für den Unternehmen und Behörden bereit sind zu bezahlen.“
In der breiten Wahrnehmung dauerte dieser Wandel länger. Rico Barth, Geschäftsführer von KIX Service Software, erinnert sich: „Open Source wurde lange mit Garagen-Entwicklern, freiberuflichen Software-Enthusiasten und dem Versprechen deutlicher Kostenersparnisse verbunden.“ Für ihn war vor allem das Jahr 2018 eine Zäsur: IBM kündigte die Übernahme von Red Hat für rund 34 Milliarden Dollar an, SUSE wurde mit gut 2,5 Milliarden Dollar bewertet. „Spätestens da hat jeder verstanden, dass auf Open Source funktionierende Geschäftsmodelle aufgebaut werden können.“
Das Business mit dem offenen Code
Open Source funktioniert wirtschaftlich anders als das klassische Lizenzmodell. Verkauft wird nicht das exklusive Recht, geheim gehaltene Codes zu benutzen. Unternehmen bezahlen vielmehr für stabile Enterprise-Versionen, Updates, Support, Zertifizierungen, Integration, Betrieb oder zusätzliche Funktionen.
Dass sich damit in kurzer Zeit ein erfolgreicher Betrieb aufbauen lässt, zeigt beispielsweise Nextcloud. Das 2016 gegründete Unternehmen war nach Angaben von Gründer Frank Karlitschek noch im selben Jahr profitabel. Der spätere Red-Hat-Deal bestätigte ihn zusätzlich: „Das macht kein Unternehmen, wenn man damit keinen ROI erwartet. In dieser Zeit wurde immer mehr deutlich: Open Source kann es auch wirtschaftlich mit den Grossen aufnehmen.“
Gerade die Offenheit, auf der dieses Geschäftsmodell beruht, bringt allerdings auch Herausforderungen mit sich. Eine davon: Der Code steht nicht nur dem ursprünglichen Entwickler zur Verfügung. Grosse Cloud-Anbieter können erfolgreiche Open Source-Projekte ebenfalls als fertigen Service vermarkten – und dank ihrer Reichweite und Infrastruktur mitunter stärker davon profitieren als die Unternehmen, die ursprünglich die Entwicklung angestossen hatten. Einige Hersteller reagieren darauf mit veränderten Lizenzen oder Open-Core-Modellen, bei denen nur ein Teil der Software vollständig offen bleibt.
Für Open Source-Unternehmen stellt sich daher immer wieder dieselbe schwierige Frage: Wie lässt sich die eigene Entwicklungsarbeit finanzieren, ohne über neue Lizenzhürden wieder genau jene Abhängigkeiten zu schaffen, die Open Source eigentlich vermeiden soll? Eine Antwort: Die Offenheit erhöht den Innovationsdruck. Weil Software kopiert und Services von anderen angeboten werden können, müssen Open Source-Entwickler ihre Produkte und Leistungen kontinuierlich am Bedarf von Kunden und Markt weiterentwickeln.
So geschieht es auch beim Wedeler Unternehmen Stackable: „Unsere Kunden sind bei uns, weil sie glücklich mit uns sind, sie sich auf unseren Support verlassen können und weil sie nicht durch eine Lizenz eingesperrt sind. Die permanente Exit-Option ist ein grosser Pluspunkt“, sagt Mitgründer und CPO Sönke Liebau. Das Geschäftsmodell muss also auch tragen, wenn der Kunde zu jeder Zeit die Möglichkeit hat zu gehen. Der Innovationsdruck ist aber nur ein Aspekt, mit dem Open Source-Unternehmen konfrontiert sind. Ein weiterer: Die Sicherheitsdebatte.
Offen heisst nicht schutzlos
Beim Thema Sicherheit hält sich ein Einwand besonders hartnäckig: Offener Quellcode mache es Angreifern besonders leicht, Schwachstellen auszunutzen. Schliesslich können sie sehen, wie die Software aufgebaut ist. Doch den Code können eben nicht nur potenzielle Angreifer prüfen, sondern auch Anwender, Sicherheitsforscher und unabhängige Spezialisten.
„Offener Quellcode garantiert keine Sicherheit, schafft aber eine wesentliche Voraussetzung für höhere Sicherheit“, sagt Peter Ganten. Transparenz ist also kein Schutzschild, sondern ermöglicht unabhängige Kontrolle: Schwachstellen lassen sich nach dem Viele-Augen-Prinzip entdecken, statt allein im Verantwortungsbereich des Herstellers zu bleiben.
Für Sönke Liebau ist der Angriff auf die XZ Library 2024 ein gutes Beispiel: „Jahrelange Vorbereitung durch die Angreifer, aufgedeckt von der Community an einem Wochenende. Ich behaupte, dass die Entdeckung Jahre gedauert hätte, hätten die Angreifer den Schadcode in eine proprietäre Software bekommen – wenn sie überhaupt je gefunden worden wäre.“
Vom Preisargument zur Unabhängigkeit
Auch auf Kundenseite hat sich der Blick verändert. Früher stand meist ein möglichst günstiger Preis für ein Produkt im Vordergrund, heute wiegen strategische Gründe schwerer. Torsten Hallmann, Open Source Ambassador bei SUSE, erklärt die Gründe. Seiner Meinung nach sind die stärksten Argumente für ein Open Source-Produkt: „Innovationsgeschwindigkeit, Resilienz und echte Wahlfreiheit. Früher ging es primär um Lizenzkosten. Heute steht die Unabhängigkeit im Fokus. Denn gerade diese Wahlfreiheit wird immer wichtiger. Wer offene Software einsetzt, kann sie anpassen, selbst betreiben oder einen Dienstleister damit betrauen. Fällt ein Hersteller aus, ändert er seine Strategie oder erhöht die Preise, bleibt die technische Grundlage grundsätzlich verfügbar.“
Und so gibt es den klassischen und gefürchteten Vendor Lock-in einfach nicht. Rico Barth bezeichnet genau diese Möglichkeit, „die Bindung an einen einzigen Hersteller und damit Monopolisten aufzubrechen“, als einen Vorteil, der Open Source von Anfang an ausgezeichnet habe. „Heute wird dieser Aspekt durch die Debatten über digitale Souveränität und Resilienz immer stärker wahrgenommen. Aber natürlich bleibt es auch eine wirtschaftliche Frage. Wer sich langfristig an einen Anbieter bindet, macht sich von dessen Preisen, seiner Produktstrategie und seinem Support abhängig. Was kurzfristig bequem erscheint, ist langfristig ein Risiko.“
Frank Karlitschek bringt das Problem auf eine knappe Formel: „Die meisten überschätzen den Migrationsaufwand und unterschätzen dabei den Verlust an Souveränität.“ Organisationen verlängerten bestehende Verträge häufig, weil ein Wechsel als riskanter wahrgenommen werde als die Abhängigkeit. Dabei müsse eine Migration keineswegs nach dem Prinzip „Ganz oder gar nicht“ erfolgen. Einzelne Workloads könnten schrittweise umgestellt und zeitweise parallel betrieben werden.
Torsten Hallmann ergänzt: „Kaum eine Organisation baut heute auf der grünen Wiese. Die Realität sind gewachsene, heterogene IT-Landschaften.“ Open Source müsse deshalb dort Flexibilität schaffen, wo Software bereits läuft. Sein Fazit: „Echte Innovation erweitert Optionen, statt sie einzuschränken.“
Die nächste Etappe: Zwischen Souveränität und KI
Genau diese Wahl- und Handlungsfreiheit macht Open Source zu einem wichtigen Baustein digitaler Souveränität. Wer Software prüfen, verändern, selbst betreiben oder von anderen weiterentwickeln lassen kann, behält die Kontrolle über Infrastruktur und Daten. Gerade für Behörden und Unternehmen, die sensible Daten verarbeiten, wird diese Unabhängigkeit damit zu einem nicht zu überschätzenden strategischen Faktor.
Und wohin geht die Open Source-Reise? Peter Ganten fordert, „Open Source – und auch offene KI – in allen Bereichen zum Standard werden zu lassen“. Gerade bei KI wird sich zeigen, wie ernst es Unternehmen und Behörden mit digitaler Souveränität ist. Rico Barth sieht dabei vor allem die Kontrolle über Modelle und Daten als entscheidend: Sprachmodelle müssten in „geprüften, vertrauenswürdigen, gegebenenfalls lokalen Umgebungen“ betrieben werden. Ebenso wichtig sei, zu wissen, mit welchen Daten sie trainiert wurden, wie sie verarbeitet wurden und ob sie sich überprüfen lassen. Open Source könnte damit in den kommenden Jahren zu einem strategischen Fundament digitaler Infrastruktur werden und proprietäre Software immer mehr zurückdrängen.
35 Jahre nach Linux 0.01 ist aus einer Idee, die zunächst vor allem Entwickler begeisterte, ein fester Bestandteil professioneller IT geworden. Aus offener Software ist ein Markt entstanden – und aus technischer Freiheit ein strategischer Faktor für Unternehmen und Behörden. Open Source hat die Garage längst verlassen. Geblieben ist ein Prinzip, das inzwischen selbst zum Businessmodell geworden ist: Software kann wirtschaftlich äusserst erfolgreich sein, obwohl – oder gerade weil – niemand allein über ihren Code bestimmt.