Unklare Rollen, unausgesprochene Erwartungen, stockende Entscheidungen: Viele KMU kennen diese Muster. Der Artikel zeigt, wie Klarheit entsteht – und warum sie Resilienz möglich macht.

Grafik Jenny Ackeret
Es sind oft nicht die grossen strategischen Fragen, die Unternehmen herausfordern, sondern die kleinen Unklarheiten im Alltag. Ein Entscheid wird vertagt, weil nicht klar ist, wer ihn treffen darf. Eine Aufgabe wird doppelt gemacht, weil Rollen nicht abgestimmt sind. Missverständnisse entstehen, weil Erwartungen nicht geklärt sind. Ein Projekt stockt, obwohl alle engagiert sind. Niemand macht etwas bewusst falsch. Und doch entsteht das Gefühl: Es läuft nicht rund.
Als Organisationsentwicklerin begegne ich diesen Mustern regelmässig, besonders in KMU. Die erste Reaktion darauf ist oft nachvollziehbar: Mehr Struktur, mehr Prozesse, mehr Abstimmungen. Doch die Erfahrung zeigt, dass dies selten die eigentliche Ursache trifft. Denn hinter diesen Symptomen liegt meist ein tieferes Thema: Fehlende Klarheit im Miteinander.
Warum Werte der Ausgangspunkt von Resilienz sind
Wenn Klarheit fehlt, suchen Organisationen häufig nach Lösungen im Aussen. Doch Klarheit entsteht nicht im Aussen, sondern zuerst im Innern. Suchen wir im Innern und fragen uns, was wichtig ist, so begegnen uns Werte. Werte wirken wie ein Kompass. Sie prägen, wie Menschen Situationen wahrnehmen, Entscheidungen treffen und miteinander handeln. Ohne bewusst geklärte Werte bleiben Erwartungen unausgesprochen – und genau daraus entstehen Missverständnisse und Reibungsverluste. Damit wird deutlich: Werte sind nicht «nice to have», sondern die Grundlage für wirksame Zusammenarbeit.
Entwicklung passiert nicht zufällig
Wenn Klarheit im Inneren entsteht, stellt sich automatisch die nächste Frage: Wie lässt sich diese Klarheit konkret im Alltag nachhaltig umsetzen? Hier kommt die Organisationale Resilienz ins Spiel. Sie entwickelt sich nicht zufällig, sondern in einem wiederkehrenden Entwicklungsprozess und in Verbindung mit Resilienz-Schlüsselfaktoren und Werten.
Resilienz-Schlüsselfaktoren beschreiben, wie Menschen handeln. Werte erklären, warum. Erst im Zusammenspiel entsteht Wirkung: Werte geben die Richtung vor, Schlüsselfaktoren machen sie im Alltag sichtbar.
Diese Erkenntnis zeigt sich in den folgenden vier Entwicklungsschritten:
1. Entwicklungsbedarf erkennen – verstehen statt reagieren
Wo entstehen Spannungen? Wo verlieren wir Energie, Zeit oder Geld?
Die Schlüsselfaktoren Impulskontrolle und Kausalanalyse helfen, innezuhalten und bewusst zu reflektieren. Werte wie Achtsamkeit und Offenheit schaffen den Raum dafür. Erst wenn wir verstehen, was wirklich passiert, können wir gezielt handeln.
2. Entwicklungsbereitschaft fördern – Perspektiven erweitern
Unterschiedliche Sichtweisen werden sichtbar gemacht und einbezogen. Realistischer Optimismus und Akzeptanz helfen, Spannungsfelder als Chance zu nutzen. Vertrauen und Gwunder fördern die Bereitschaft, neue Perspektiven einzunehmen. Hier entsteht die Grundlage für echte Veränderung: Die Bereitschaft, Dinge anders zu sehen.
3. Entwicklungsfähigkeit stärken – Klarheit im Miteinander schaffen
Das ist der zentrale Hebel vieler Organisationen. Rollen, Erwartungen und Verantwortlichkeiten werden bewusst geklärt. Psychologische Sicherheit sowie Klarheit und Struktur ermöglichen wirksame Zusammenarbeit. Transparenz und Verantwortungsbewusstsein geben Orientierung. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob aus guter Absicht wirksame Zusammenarbeit entstehen kann.
4. Entwicklung gestalten – gemeinsam wirksam werden
Auf der Basis der ersten drei Schritte wird Veränderung konkret umgesetzt. Interdisziplinäre Kooperation verbindet Perspektiven und schafft tragfähige Lösungen. Weitsicht und Verbundenheit stärken das gemeinsame Handeln. Dann wird Wandel nicht mehr nur bewältigt – sondern bewusst gestaltet.
Perspektivenwechsel macht Zusammenhänge sichtbar
Auch mit klaren Werten und Prozessen bleibt eine Herausforderung bestehen: Organisationen sind komplexe Systeme. Entscheidungen wirken nie isoliert, sondern über verschiedene Ressourcenarten hinweg: Mensch, Technik, Organisation, Leistung, Finanzen und Zeit. Wer nur eine dieser Ressourcen betrachtet, übersieht Zusammenhänge. Wer bewusst die Perspektiven wechselt, erkennt Wechselwirkungen – und trifft nachhaltige Entscheidungen. Der Perspektivenwechsel wird damit zum Schlüssel, um Komplexität zu verstehen und Klarheit zu schaffen. Gerade KMU haben hier eine besondere Stärke: Durch ihre Nähe zu den Menschen und ihre überschaubaren Strukturen können sie schneller reagieren und Veränderungen wirksam umsetzen.
Raum schaffen – damit ein starkes WIR entsteht
Damit all das im Alltag wirken kann, braucht es einen oft unterschätzten Faktor: Raum. Klarheit entsteht nicht im operativen Tagesgeschäft. Sie braucht bewusst gestaltete Räume für Reflexion, Klarheit und Mitgestaltung. Hier werden Erwartungen ausgesprochen, Rollen geschärft und gemeinsame Ziele entwickelt. Erst in diesem Raum verbindet sich alles: Haltung – Verhalten – Kultur – Struktur. Wenn diese Ebenen zusammenpassen, entsteht ein starkes WIR.
Fazit
Die Herausforderungen im Alltag vieler KMU sind selten laut. Sie zeigen sich leise – in kleinen Unklarheiten, die sich summieren: Verzögerte Entscheidungen, unausgesprochene Erwartungen, fehlende Orientierung. Es ist nicht der eine grosse Fehler, sondern das Zusammenspiel vieler kleiner Unstimmigkeiten.
Gerade deshalb liegt die Lösung nicht im Mehr, sondern im Wesentlichen. Nicht in zusätzlichen Prozessen, sondern in bewusster Klarheit im Miteinander. Dort, wo Organisationen bereit sind, innezuhalten, hinzuschauen und sich an ihren Werten auszurichten, entsteht Orientierung – und daraus wirksame Zusammenarbeit.
Organisationale Resilienz entsteht genau in diesem Zusammenspiel: Aus klaren Werten, einem bewussten Entwicklungsprozess und der Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln. Wer Spannungen versteht, unterschiedliche Sichtweisen einbezieht und Klarheit in Rollen und Erwartungen schafft, legt die Basis für ein starkes Miteinander.
Für KMU bedeutet das konkret:
- Werte bewusst klären und leben
- Entwicklung bewusst gestalten
- Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse
- klar definieren
- Perspektivenwechsel aktiv fördern
- Raum für Reflexion schaffen
- Ressourcen ganzheitlich betrachten und nutzen
Starten Sie dort, wo Sie gerade stehen, und schaffen Sie Schritt für Schritt Klarheit im Miteinander.
Die Autorin
Jenny Ackeret ist Organisationsentwicklerin und Geschäftsführerin der RAUM360 GmbH. Als externe Reflexionspartnerin begleitet sie Teams und Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Klarheit im Miteinander und öffnet Entwicklungsräume für Perspektivenwechsel, Reflexion und gemeinsame Orientierung.
www.linkedin.com/in/jennyackeret/
Publikation in Zusammenarbeit mit:

SWONET – Swiss Women Network
www.swonet.ch
Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 26-2
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