Mit dem Inkrafttreten neuer Transparenzpflichten des EU AI Acts am 2. August 2026 rückt die Kennzeichnung von KI-Inhalten in den Fokus. Jan Schellenberger erläutert, warum Kennzeichnung mehr Kontext schaffen muss und weshalb seriöse Anbieter von klaren Kennzeichnungen profitieren.
Je überzeugender KI menschliche Kommunikation imitiert, desto wichtiger wird Transparenz. Ab dem 2. August 2026 gelten daher neue Pflichten des EU AI Acts. Die Debatte konzentriert sich bislang vor allem darauf, welche Inhalte gekennzeichnet werden müssen und wie Unternehmen die Vorgaben erfüllen können. Die entscheidende Frage ist jedoch eine andere: Welche Informationen benötigen Menschen, um KI-generierte Kommunikation richtig einzuordnen?
Kennzeichnung muss Kontext schaffen
Ein pauschaler Hinweis wie „KI-generiert“ reicht dafür nicht aus. Er benennt den technischen Ursprung eines Inhalts, sagt aber wenig über seinen Zweck, seine Quellen und die Verantwortung aus. Gerade bei KI-Avataren, die Menschen auch visuell täuschend echt imitieren können, müssen Nutzer erkennen können, dass sie mit einem künstlichen Gegenüber interagieren, in wessen Auftrag es kommuniziert und wer für die vermittelten Inhalte verantwortlich ist.
Gute Kennzeichnung ist deshalb kein Warnhinweis, sondern schafft Kontext. Sie erklärt, wer oder was spricht, auf welcher Grundlage die Aussagen entstehen und welche Grenzen das System hat. So schafft sie Vertrauen, ohne KI pauschal unter Verdacht zu stellen.
Eine synthetische Kommunikation ist nicht automatisch ein Deepfake
Diese Differenzierung fehlt in der öffentlichen Debatte häufig. Manipulative Deepfakes, KI-generierte Werbung und professionelle Avatare werden zu schnell in einen Topf geworfen. Dabei unterscheiden sich ihre Zwecke und Risiken erheblich. Ein Deepfake missbraucht eine Identität oder täuscht etwas vor. Ein professioneller KI-Avatar kann dagegen mit einem klaren Absender und vorab geprüften Informationen kommunizieren.
Der Knackpunkt ist also nicht, ob ein Inhalt synthetisch erzeugt wurde. Entscheidend ist, ob sein künstlicher Charakter, sein Zweck, seine Quelle und die Verantwortung transparent sind. Wer synthetische Kommunikation pauschal unter Verdacht stellt, verhindert auch sinnvolle Anwendungen. Wer sie möglichst unsichtbar macht, riskiert hingegen Vertrauen.
Seriöse Anbieter nutzen Transparenz zum Vorteil aller
Für professionelle Anbieter können die neuen Transparenzpflichten deshalb zum Wettbewerbsvorteil werden. Wer mit verifizierten Wissensquellen, geregelten Freigaben und klaren Verantwortlichkeiten arbeitet, kann diese Standards sichtbar machen. Kennzeichnung wird damit zum Unterscheidungsmerkmal zwischen kontrollierter KI-Kommunikation und anderen Anwendungen, bei denen Herkunft, Zweck und Verantwortung unklar bleiben.
Das ist besonders dort relevant, wo KI Informationen vermittelt und Kommunikation reale Folgen hat: Im Kundenservice, in der internen Kommunikation, in der Verwaltung oder in der Wissensvermittlung. In solchen Bereichen reicht technische Leistungsfähigkeit allein nicht aus. Menschen müssen Aussagen einordnen können und Unternehmen nachvollziehbar Verantwortung übernehmen.
Europas Chance heisst Verlässlichkeit
Der EU AI Act schafft dafür einen gemeinsamen Rechtsrahmen. Ob daraus lediglich eine weitere Pflicht oder ein europäischer Qualitätsstandard wird, entscheidet sich in der Umsetzung. Bleibt Kennzeichnung bei einem pauschalen Label stehen, ist wenig gewonnen. Schafft sie verständlichen Kontext, kann sie Vertrauen fördern und professionellen Anwendungen den Weg in den Alltag bahnen.
Die Gewinner werden nicht diejenigen sein, die KI möglichst verheimlichen. Gewinnen werden diejenigen, die synthetische Kommunikation so transparent gestalten, dass Menschen ihr bewusst vertrauen können.
Der Autor
Jan Schellenberger ist Mitgründer von go AVA und Keynote-Speaker. Der Diplom-Informatiker entwickelt seit mehr als 20 Jahren digitale Geschäftsmodelle und war unter anderem als Gründer, Geschäftsführer und CTO tätig. Mit go AVA arbeitet er an lebensechten, dialogfähigen KI-Avataren für Unternehmen und beschäftigt sich aus praktischer Perspektive mit der Frage, wie KI-Kommunikation vertrauenswürdig, skalierbar und verantwortungsvoll eingesetzt werden kann.
Über go AVA
go AVA ist ein 2023 gegründetes Deep-Tech Startup mit Sitz in Essen, das lebensechte, KI-basierte Avatare für digitale Interaktionen entwickelt. Die Technologie kommt in unterschiedlichen Anwendungsfeldern zum Einsatz – von Beratung und Service über Schulungs- und Weiterbildungsformate bis hin zur Unterstützung digitaler Prozesse.