Digitale Souveränität: Standortbestimmung für Schweizer KMU

09.09.2026
5 Min.

Wer seine digitalen Abhängigkeiten nicht kennt, kann sie nicht steuern. Für Schweizer KMU ist das keine Frage der Unternehmensgrösse, sondern des Überblicks. Eine Standortbestimmung in fünf Dimensionen zeigt, wo ein Unternehmen heute steht, und schafft die Grundlage für informierte Entscheidungen.

 

Im digitalen Raum gilt: Wer den Überblick behält, steuert statt getrieben zu werden (Symbolbild von Chantha Pheuypraseuth via Unsplash)

 

Was «digitale Souveränität» für ein KMU wirklich bedeutet

Digitale Souveränität bedeutet für Sie als KMU: Sie sind im digitalen Raum handlungsfähig. Das heisst, Sie können Ihre Geschäftsprozesse aufrechterhalten, Ihre Daten schützen und Ihre technologischen Entscheidungen selbstbestimmt treffen – unabhängig davon, was ein Anbieter, eine Behörde oder ein geopolitisches Ereignis von Ihnen verlangt.
 
Drei Aspekte sind dabei besonders wichtig: Erstens geht es nicht um Abschottung. Digitale Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu betreiben oder auf bewährte internationale Lösungen zu verzichten. Es geht um Wahlfreiheit und die bewusste Kontrolle über den Grad der eigenen Abhängigkeit. 
 
Zweitens ist digitale Souveränität kein abstraktes Konzept, sondern operative Realität: Unternehmen, die heute nicht wissen, wo ihre Daten liegen oder ob sie ihre Systeme im Notfall wechseln könnten, tragen ein reales unternehmerisches Risiko – rechtlich, operativ und strategisch.
 
Drittens müssen wirtschaftliche Aspekte mitgedacht werden. So können bei souveränen Lösungen die Initialkosten höher ausfallen, jedoch teure Lock-in-Situationen vermieden werden. Zudem eröffnen diese die Möglichkeit einen Grossteil der Wertschöpfung in der Schweiz zu halten.
 
Inhaltlich lässt sich die digitale Souveränität für ein KMU in fünf Dimensionen zusammenfassen:
 
Daten & KI bezeichnet die Kontrolle darüber, wo Unternehmensdaten gespeichert sind, wer darauf zugreifen kann, welche Daten das Unternehmen durch den Einsatz von KI-Tools verlassen und inwiefern KI-Lösungen unabhängig betrieben werden können. Diese Dimension wird am häufigsten unterschätzt. Gerade die unreflektierte Einführung von KI-Tools wie ChatGPT oder Copilot öffnet Türen, die sich nur schwer wieder schliessen lassen.
 
Software beschreibt den Grad der Abhängigkeit von Anbieter-Ökosystemen und proprietären Softwarelösungen. Abhängigkeiten entstehen schrittweise – durch Integrationen, proprietäre Formate und gewachsene Prozesse. Je tiefer diese Strukturen verankert sind, desto aufwendiger wird ein allfälliger Wechsel.
 
Infrastruktur & Cloud umfasst die physische Basis des digitalen Betriebs: Wo liegen die Server, wer betreibt sie und unter welchem Recht? Viele KMU gehen davon aus, dass «europäische» Dienste automatisch sicher sind – das stimmt nicht immer. Entscheidend ist auch, ob eigene Backups existieren, die unabhängig vom Anbieter wiederhergestellt werden können.
 
Kompetenzen steht für das interne Wissen, digitale Systeme sicher zu betreiben, zu beurteilen und im Krisenfall zu handeln. Technologie ist nur so souverän wie die Menschen, die sie bedienen. Wenn das Wissen über kritische Systeme ausschliesslich bei externen Dienstleistern liegt, entsteht eine vollständige Abhängigkeit. Internes Verständnis schafft die Grundlage für informierte Entscheidungen.
 
Strategie & Wirtschaftlichkeit bedeutet, Abhängigkeiten bewusst zu kennen, zu bewerten und aktiv zu steuern. Souveränität ist keine binäre Entscheidung und nicht jede Abhängigkeit ist problematisch. Entscheidend ist jedoch, dass sie bekannt ist und in unternehmerische Überlegungen einfliesst.
 

Warum das Thema für Schweizer KMU besonders relevant ist

Schweizer KMU denken Abhängigkeiten in vielen Bereichen bereits strategisch: In der Produktion, in der Lieferkette, bei Lieferanten. Die Frage, welche Komponenten kritisch sind, welche Alternativen bestehen und was im Ausfall passiert, gehört zum unternehmerischen Alltag. Im digitalen Raum stellen sich dieselben Fragen, aber sie werden bisher nur selten gestellt.
 
Verschiedene Entwicklungen machen diese Auseinandersetzung heute dringlicher als sonst: Geopolitische Unsicherheiten und Abhängigkeiten von internationalen Technologieanbietern haben auch Auswirkungen auf Schweizer Unternehmen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich verschärft (z. B. revidiertes Datenschutzgesetz) und tragen höhere Anforderungen mit sich. Digitale Technologien sind stärker in Kernprozesse integriert als je zuvor und dadurch trifft ein Ausfall oder ein erzwungener Wechsel viele Unternehmen schwer. Auch die Veränderungen durch KI schaffen neue und vor allem tiefere Abhängigkeiten.

Standortbestimmung Digitale Souveränität: 

Wo stehen wir?

Die folgende Standortbestimmung ist keine technische Tiefenprüfung. Sie soll eine erste Auseinandersetzung mit der Thematik ermöglichen und in kurzer Zeit einen strukturierten Überblick liefern. Ziel ist nicht Perfektion, sondern Klarheit. Die Standortbestimmung folgt den fünf Dimensionen digitaler Souveränität.
 

Daten & KI

Der Ausgangspunkt ist eine einfache Bestandsaufnahme: Welche Daten existieren im Unternehmen, wo sind sie gespeichert und bei welchem Anbieter? Für jedes einzelne zentrale System (z. B. E-Mail, CRM, ERP, Buchhaltung, Dateiablage) lohnt es sich zu klären, in welchem Land die Daten liegen, wer darauf zugreifen kann und was im Fall einer Vertragskündigung damit passiert. Ergänzend stellt sich die Frage, welche Daten das Unternehmen durch den Einsatz von KI-Tools verlassen und welche KI-Lösungen man im Einsatz hat.
 

Software

Zentral ist zunächst die Frage, welche Systeme geschäftskritisch sind – also welche Software einen Ausfall oder einen erzwungenen Wechsel besonders spürbar machen würde. Davon ausgehend lohnt sich ein Blick auf die Lizenzsituation (Dokumentation, Vertragslaufzeiten, Kosten) und die Tiefe der Integration (Schnittstellen und andere Abhängigkeiten). Ebenso relevant ist, wie tief der Lock-in bereits ist: Liegen Daten in offenen Formaten vor und wäre ein Wechsel zu einer alternativen Lösung realistisch, wenn ja, in welchem Zeitraum? Zudem sollte man sich auch kurz Gedanken machen zur Schatten-IT: Welche Software nutzen Mitarbeitende, die nicht offiziell beschafft wurde?
 

Infrastruktur & Cloud

Hier geht es darum zu klären, ob bekannt ist, in welchem Land die genutzten Cloud-Dienste physisch betrieben werden. Ebenso relevant: Existieren eigene Backups, die unabhängig vom Anbieter wiederhergestellt werden können, oder liegt die Verantwortung dafür vollständig beim Dienstleister?
 

Kompetenzen

Entscheidend ist, ob im Unternehmen genug Wissen vorhanden ist, um die eigene IT-Landschaft zu verstehen und im Krisenfall zu handeln. Kritisch wird es, wenn dieses Wissen an einer einzelnen Person hängt oder ausschliesslich beim externen Dienstleister liegt. Ebenso relevant sind die Kultur und die Sensibilisierung (z. B. Wissen die Mitarbeitenden, wie mit sensiblen Daten umzugehen ist und wird das auch gelebt?)
 

Strategie & Wirtschaftlichkeit

Abschliessend lohnt sich ein Blick auf die strategische Ebene: Sind die digitalen Abhängigkeiten des Unternehmens bekannt und dokumentiert? Wurden sie bewusst eingegangen, das heisst mit einem Verständnis der Kosten, Risiken und Alternativen? Und gibt es für geschäftskritische Systeme einen Plan für den Fall, dass ein Anbieter ausfällt, die Bedingungen ändert oder ein Wechsel nötig wird?
 

Was tun mit den Ergebnissen?

Die Standortbestimmung ist kein Selbstzweck. Sie schafft eine gemeinsame Grundlage – für die Geschäftsleitung, für die IT-Verantwortlichen, für externe Partner. Indem die fünf Dimensionen bewertet und sichtbar gemacht werden, entsteht eine Diskussionsgrundlage: Wo sind wir uns einig? Wo gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen? Und was priorisieren wir?
 
Ein bewährtes Vorgehen: Bewerten Sie jede Dimension nach dem Ampelprinzip (wo stehen wir gut, wo besteht Handlungsbedarf, wo ist das Risiko unklar?) Diese einfache Einschätzung reicht, um eine strukturierte Diskussion zu ermöglichen und erste Prioritäten zu setzen. Denn digitale Souveränität ist kein Projekt mit Abschlussdatum und die Standortbestimmung ist nur der Einstieg.
 

Fazit: Klarheit vor Perfektion

Digitale Souveränität beginnt nicht mit einem grossen IT-Projekt. Sie beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Die Standortbestimmung liefert dafür einen niederschwelligen Einstieg und soll Klarheit schaffen für Diskussionen, Priorisierungen und gezielte Massnahmen.
 
Die Frage der digitalen Souveränität wird nicht verschwinden. Unternehmen, die sich heute damit auseinandersetzen, schaffen die Grundlage für bessere Entscheidungen und eine stabile IT-Landschaft. Letztlich geht es um denselben unternehmerischen Anspruch, den Schweizer KMU in vielen Bereichen bereits leben: Abhängigkeiten kennen, Risiken bewerten und bewusst entscheiden. 
 
 

Der Autor

 
Simon Perrelet ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bern und Senior ICT Architect bei RUAG. Er forscht zu digitalen Innovationen, Regulierung und der Schweizer Softwareindustrie. 

 

 

Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 26-2

 

Das Schweizer Fachmagazin für Digitales Business kostenlos abonnieren

Abonnieren Sie das topsoft Fachmagazin kostenlos. Regelmässig in Ihrem Briefkasten.