Digitale Souveränität entsteht nicht durch den Standort Schweiz allein. Auch Schweizer Unternehmen und Behörden nutzen Dienste von Konzernen, deren Geschäftsmodelle und rechtliche Pflichten ausserhalb des Landes bestimmt werden. Das revidierte Datenschutzgesetz erhöht die Anforderungen an die Datenverarbeitung. Eine kontrollierbare Infrastruktur schafft es jedoch nicht von selbst. Dafür braucht es technische Wahlfreiheit und belastbare Ausstiegsszenarien.

Symbolbild von Shubham Dhage via Unsplash
Dabei wissen Schweizer Unternehmen, was digitale Souveränität bedeutet. In einer Swisscom-Studie nennen 58 Prozent der befragten Unternehmen die Abhängigkeit von Hyperscalern als grösste Sorge. Der Schritt aus der Abhängigkeit gelingt aber noch immer zu selten – und dabei müsste dieser erste Schritt nicht mal gross sein. Und die Zeit zu wechseln war nie günstiger.
Die Welt hat sich verändert – Europas Datenlage nicht
Im Zentrum der digitalen Abhängigkeit stehen Daten. Nicht als abstraktes Konzept, sondern als konkreter Rohstoff: Produktionsdaten, Patientendaten, Finanztransaktionen, Logistikströme, Kommunikation. Sie sind das wertvollste strategische Kapital von Unternehmen und Gesellschaften. Doch wer eine ehrliche Bestandsaufnahme macht, stellt fest: Ein erheblicher Teil dieser Daten liegt auf Infrastruktur, die Europa nicht kontrolliert – und im Zweifelsfall auch nicht kontrollieren kann.
Besonders für den Schweizer Finanz- und Pharmasektor ist das keine abstrakte Frage. Banken, Versicherungen und Pharmaunternehmen verarbeiten Daten, die unter den strengsten Vertraulichkeitsanforderungen der Welt stehen. Ob die Dateninfrastruktur, auf der diese Daten laufen, wirklich kontrollierbar und revisionssicher ist – das ist eine Frage der Geschäftsgrundlage. Intransparente, proprietäre Systeme sind hier kein Risiko zweiter Ordnung. Sie sind ein Strukturproblem.
Das wird nun spätestens zur strategischen Frage, sobald KI ins Spiel kommt. KI-Modelle sind nur so gut wie die Daten, mit denen sie trainiert werden – und nur so vertrauenswürdig wie die Dateninfrastruktur, auf der sie laufen. Sei es bei der Echtzeitanalyse oder bei der Fertigungsoptimierung: Wer seine Daten nicht vollständig kontrolliert, kann KI nicht souverän einsetzen. Das ist nicht nur eine Datenschutzfrage, sondern eine Frage der Zukunftssicherheit.
Hinzu kommt eine rechtliche Dimension, die vielen Entscheidern noch nicht vollständig bewusst ist: Extraterritoriale Gesetze bestimmter Drittstaaten verpflichten Technologiekonzerne und Behörden, auf Anfrage Zugriff auf Daten zu gewähren – unabhängig davon, wo diese Daten physisch gespeichert sind und welchem nationalen Recht sie unterliegen. Ein Rechenzentrum in Europa schützt nicht automatisch vor diesem Zugriff, wenn der Betreiber einem solchen Rechtssystem untersteht. Für europäische Unternehmen und Behörden, die mit sensiblen Daten arbeiten, ist das eine strukturelle Schwachstelle – und kein theoretisches Szenario.
Auch der Sicherheitsaspekt spielt eine immense Rolle: Angriffe auf Software-Lieferketten wie SolarWinds und kritische Schwachstellen in weitverbreiteten Komponenten wie Log4j zeigen, wie weit einzelne Sicherheitsprobleme durch vernetzte IT-Landschaften reichen können. Und schliesslich verändert sich die globale Kontrolle über Lieferketten für digitale Schlüsseltechnologien – Halbleiter, KI-Hardware, Netzwerkinfrastruktur. Die Lektion der Covid-Pandemie, dass globale Abhängigkeiten in Krisen zur Erpressbarkeit führen, ist im digitalen Bereich noch nicht vollständig angekommen.
Die Antwort liegt in der Infrastruktur – und warum Open Source der Schlüssel ist
Wer Datensouveränität ernst nimmt, muss die Dateninfrastruktur kontrollieren, mit der Daten entstehen, gespeichert und verarbeitet werden. Und wer die digitale Infrastruktur wirklich kontrollieren will – nicht nur formal besitzen, sondern tatsächlich verstehen, prüfen und im Zweifelsfall wechseln kann – kommt an Open Source nicht vorbei.
Open Source bedeutet Transparenz: Der Code ist einsehbar, Schwachstellen sind erkennbar, Abhängigkeiten sind kontrollierbar. Es schafft die Möglichkeit, jederzeit zu einem anderen Dienstleister zu wechseln. Genau darin liegt der Unterschied zum vollständigen Vendor-Lock-in. Über 90 Prozent der Schweizer Unternehmen setzen laut Open Source Studie der Berner Fachhochschule bereits Open-Source-Software in verschiedenen Ausbaustufen ein – und nennen als Hauptgründe u.a. Funktionalität und Sicherheit.
Auch die Bundesverwaltung treibt diesen Ansatz voran: Mit dem EMBAG ist sie verpflichtet, ihre Software als Open Source zu publizieren – 2025 war Open Source zudem ein Fokusthema des Bundesrates im Rahmen der Strategie Digitale Schweiz. Die Schweiz kann schneller entscheiden als ein Staatenverbund und verfügt über Branchen, in denen kontrollierbare Dateninfrastruktur unmittelbar geschäftskritisch ist. Sie hat die gesetzlichen Grundlagen, die nötige Wirtschaftskraft – und mit Finanz-, Pharma- und Präzisionsindustriesektor Branchen, für die kontrollierbare Dateninfrastruktur keine Option ist, sondern Geschäftsgrundlage.
Was den Wechsel in der Schweiz noch begünstigt: Der Einstieg ist heute erheblich einfacher als noch vor wenigen Jahren. KI-gestützte Tools, auch die europäischen Alternativen, helfen inzwischen dabei, neue Lösungen zu installieren, zu konfigurieren und in bestehende Systemlandschaften zu integrieren – Aufgaben, die früher spezialisiertes Expertenwissen erforderten. Wer eine moderne Datenplattform einführen möchte, kann KI als Assistenz für die Einrichtung nutzen: von der Infrastrukturplanung über das Deployment bis zur laufenden Fehleranalyse. Das senkt die Einstiegshürde spürbar. Ein wichtiges Argument für alle Unternehmen, denen der Wechsel bisher zu umständlich war, oder um Startprobleme zu vermeiden.
Ein häufiges Missverständnis ist, dass Souveränität bedeutet, aus einer Cloud auszuziehen. Das ist falsch. Cloud, On-Premise oder hybride Architekturen – keines dieser Modelle ist per se souverän oder unsouverän. Entscheidend ist, ob die Infrastruktur auf offenen Standards basiert, ob der Code einsehbar ist und ob ein Wechsel jederzeit möglich wäre. Souveränität ist nicht nur eine Architekturentscheidung. Sie ist eine Eigenschaft von Systemen, die man entweder bewusst einbaut – oder nachträglich sehr teuer erkauft.
Was jetzt gebraucht wird
Die Diagnose stimmt. Was fehlt, ist die Übersetzung in unternehmerisches Handeln. Verschiedene Dinge sind dafür zu beachten.
- Erstens: Souveränität als Wettbewerbsvorteil denken, nicht als Schutzreflex. Unternehmen, die heute auf offene, kontrollierbare Dateninfrastruktur setzen, sind morgen resilienter gegen Preiserhöhungen, regulatorische Verschiebungen und geopolitische Schocks. Das ist ein strategischer Vorteil, der sich mittel- bis langfristig in der Bilanz niederschlägt.
- Zweitens: Eine ehrliche Bestandsaufnahme der tatsächlichen digitalen Abhängigkeiten. Welche Daten liegen wo? Wer hat theoretisch Zugriff? Welche Systeme laufen auf Infrastruktur, über die im Notfall keine Kontrolle bestünde? In den meisten Unternehmen gibt es auf diese Fragen keine vollständigen Antworten. Diese Transparenz ist der erste Schritt zu jeder sinnvollen Datenstrategie – und gleichzeitig die häufigste Lücke. Nur wer morgen die Infrastruktur wechseln könnte, hat eine echte Strategie.
- Drittens: Handeln. Unabhängigkeit kann man sich schrittweise erarbeiten. Und der Einstieg muss kein grosser Sprung sein: Ein einzelnes Pilotprojekt, eine neue interne Anwendung auf souveräner Infrastruktur, reicht oft aus, um intern die Perspektive zu verändern und zu zeigen, dass der Wechsel machbar ist. Und daraus ergeben sich ganz neue Potenziale.
- Viertens: Die Schweiz kann zeigen, was möglich ist, wenn ein wirtschaftlich starkes, eigenständiges Land digitale Souveränität nicht als Schutzpolitik, sondern als Qualitätsmerkmal begreift. Das wäre kein Rückzug in die Abschottung, es wäre eine Positionierung als vertrauenswürdiger Standort für Daten, die Vertrauen verdienen. Und das ist, in einer Welt zunehmender digitaler Abhängigkeiten, ein echter Wettbewerbsvorteil.
Souverän ist eine IT-Infrastruktur nicht deshalb, weil sie in der Schweiz oder in Europa steht, sondern weil Unternehmen sie verstehen, kontrollieren und im Zweifel ersetzen können. Darin liegt die grosse Chance, die Schweizer Unternehmen jetzt ergreifen sollten.
Der Autor

Jürgen Moll ist Vertriebsleiter für die Schweiz und Frankreich bei Stackable. Von der Schweiz aus konzentriert er sich darauf, Kunden und Partnern dabei zu helfen, ihre Dateninfrastruktur zu modernisieren und dabei die Kontrolle über ihre Daten und Technologieentscheidungen zu behalten.
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