Der digitale Produktpass entwickelt sich rasant vom regulatorischen Muss zum dynamischen Technologiemarkt. Getrieben durch die EU‑Ökodesign‑Verordnung wird er in immer mehr Branchen verbindlich, während Hersteller weltweit in digitale Infrastrukturen investieren. Für Industrieunternehmen geht es dabei längst um mehr als Compliance: Wer Produkt‑, Material‑ und Lieferkettendaten über den gesamten Lebenszyklus hinweg strukturiert nutzt, schafft die Basis für Transparenz, effiziente Prozesse und kreislauffähige Geschäftsmodelle – und rückt das ERP‑System als zentralen Datenhub ins Zentrum.

Symbolbild topsoft
Lange galt der digitale Produktpass (DPP) vor allem als bürokratische Auflage aus Brüssel. Inzwischen zeigt sich ein anderes Bild. Der Markt für entsprechende Lösungen soll von rund 379,4 Millionen US-Dollar im Jahr 2026 auf 6,34 Milliarden US-Dollar im Jahr 2035 wachsen, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 36,7 Prozent entspricht [1]. Europa ist dabei führend, angetrieben durch strenge Umweltauflagen und eine konsequente Kreislaufwirtschaftspolitik, während Japan als am schnellsten wachsender Markt nachzieht [1, 2]. Aus einem Pflichtthema wird damit ein eigenständiges Technologiesegment.
Treiber dieser Entwicklung ist die EU-Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR), die den digitalen Produktpass in zahlreichen Branchen verbindlich vorschreibt. Für Batterien wird er ab 2027 zur Pflicht, bis 2028 folgen unter anderem Textilien und Elektronik [3]. Parallel wächst der Druck durch Produktfälschungen, steigende Nachhaltigkeitsanforderungen und die Erwartung an eine nachvollziehbare Beschaffung. Deshalb führen Unternehmen Rückverfolgbarkeitslösungen nicht nur ein, um Vorschriften zu erfüllen, sondern auch, um ihre Lieferketten transparenter zu machen und ESG-Berichtspflichten zu bedienen.
Mehr als ein digitaler Aufkleber
Im Kern ist der digitale Produktpass ein strukturierter Datensatz, der ein physisches Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus begleitet. Er bündelt zentrale Informationen zu Materialzusammensetzung, Herkunft, Zertifizierungen und Umweltbilanz und enthält Hinweise zu Reparatur und Recycling [4]. Anders als klassische Trackingsysteme ermöglicht er einen interoperablen Datenaustausch in Echtzeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Damit verändert sich der Charakter von Produktdaten grundlegend. Aus einem passiven Datensatz wird ein aktiver, strategisch nutzbarer Vermögenswert, der nicht nur Compliance sichert, sondern auch operative Transparenz und Entscheidungen verbessert [2].
Warum Unternehmen jetzt handeln müssen
Die Dringlichkeit ergibt sich aus dem ehrgeizigen Zeitplan der EU. Erste Branchen wie die Batterieindustrie, Textilhersteller und die Unterhaltungselektronik werden bereits in naher Zukunft zur Umsetzung verpflichtet. Wer den Anpassungsprozess verschläft, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern im schlimmsten Fall den Ausschluss vom EU-Binnenmarkt [4].
Sinnvoller ist es deshalb, den Produktpass nicht als reine Last zu begreifen, sondern als Chance, Lieferketten effizienter zu gestalten und das Vertrauen der Kunden durch nachweisbare Nachhaltigkeit zu stärken. Die Vorbereitung braucht allerdings Zeit, denn Daten aus oft fragmentierten globalen Lieferketten müssen zunächst zusammengeführt und standardisiert werden. Genau hier entscheidet sich, ob aus der Pflicht ein Wettbewerbsvorteil wird.
Das ERP-System wird zum Datenrückgrat des Produktpasses
Die eigentliche Herausforderung liegt weniger im Pass selbst als in den Daten dahinter. Materialstämme, Stücklisten, Lieferanten- und Chargeninformationen, Zertifikate oder Nachhaltigkeitskennzahlen entstehen verteilt über viele Systeme und Abteilungen hinweg. Damit ein Produktpass verlässlich, prüfbar und aktuell bleibt, müssen diese Informationen zentral zusammengeführt und durchgängig gepflegt werden.
Hier kommt das ERP-System ins Spiel. Als zentrale Steuerungsplattform bündelt es genau jene kaufmännischen und produktbezogenen Daten, die der digitale Produktpass benötigt, und kann sie standardisiert und interoperabel bereitstellen. Für den industriellen Mittelstand mit vielen Lieferanten, Varianten und Produkten ist das besonders relevant. Wer seine Stamm- und Bewegungsdaten ohnehin im ERP konsolidiert, verfügt über die beste Ausgangsbasis, um regulatorische Anforderungen effizient zu erfüllen und Produktdaten zugleich für Auswertungen und neue Geschäftsmodelle zu nutzen. Damit wird das ERP-System vom Verwaltungswerkzeug zum Datenrückgrat einer kreislauffähigen Wertschöpfung. Anbieter wie Proalpha setzen genau an diesem Punkt an. Ihre ERP-Lösungen sind auf die Anforderungen des industriellen Mittelstands zugeschnitten und führen Material-, Lieferanten- und Nachhaltigkeitsdaten so zusammen, dass sie sich standardisiert und interoperabel für den digitalen Produktpass bereitstellen lassen.
Vom statischen Pass zum intelligenten Produktpass
Wie weit das Potenzial reicht, zeigt die aktuelle Forschung. Am Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn arbeitet ein Konsortium aus Wissenschaft und Industrie im Projekt iPassPro an einem intelligenten Produktpass, der bestehende DPP-Konzepte um semantische, dynamische und KI-gestützte Funktionen erweitert [5, 6]. Kernstück ist ein sogenannter Circular Intelligence Hub, eine Engineering-Plattform, die heterogene Datenquellen integriert, verknüpft und mit KI-Methoden zu entscheidungsrelevantem Wissen aufbereitet [6].
Der Ansatz setzt bewusst früh an. Bereits in der Produktentwicklung fallen die wesentlichen Entscheidungen über Reparierbarkeit, Wiederverwendung und Recyclingfähigkeit. Werden diese Aspekte von Anfang an mitgedacht und datenbasiert unterstützt, lässt sich Kreislaufwirtschaft systematisch in die Entwicklung integrieren. Das öffentlich geförderte Projekt läuft bis 2029 und verdeutlicht die Richtung. Der Produktpass wird vom statischen Nachweis zum intelligenten Werkzeug, das produktbezogenes Wissen über den gesamten Lebenszyklus nutzbar macht [5].
Fazit: Der Produktpass ist ein Startpunkt, kein Selbstzweck
Noch wird der digitale Produktpass vielerorts als regulatorische Belastung diskutiert. Tatsächlich markiert er den Einstieg in eine datengetriebene und kreislauforientierte Wertschöpfung. Denn er standardisiert nicht nur Produktinformationen, sondern schafft erstmals eine durchgängige Datenbasis für mehr Transparenz, effizientere Prozesse und nachhaltigere Geschäftsmodelle.
Für Unternehmen lautet die strategische Frage daher nicht mehr, ob der Produktpass umgesetzt wird, sondern ob daraus ein isoliertes Compliance-Projekt oder die Grundlage einer modernen, vernetzten Datenarchitektur entsteht. Wer jetzt die richtigen Weichen stellt und sein ERP-System als zentrale Datenquelle versteht, schafft die Voraussetzungen für effizientere Abläufe, bessere Entscheidungen und mehr Resilienz – gerade im industriellen Mittelstand.
Quellen
[1] Dimension Market Research: Digital Product Passport (DPP) Market
[2] Beyond Buzzwords: Der Markt für digitale Produktpässe explodiert
[3] TÜV SÜD: Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR).
[4] Beyond Buzzwords: Der Digitale Produktpass kommt – was tun?
[5] Universität Paderborn / Heinz Nixdorf Institut: Intelligenter Produktpass für zirkuläre Produkte im produzierenden Gewerbe (iPassPro).
[6] Beyond Buzzwords: Der intelligente Produktpass soll dem Kreislauf Beine machen.
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