Anfang der 10er-Jahre sorgten die ersten reinrassigen Cloud-ERP für KMU und Selbständige für Furore. Den Anfang machte Bexio, das damals noch easySYS hiess, als Reaktion darauf folgten Klara und Swiss21. Jetzt stösst eine neue Generation von Cloud-ERP für Kleinstfirmen und Selbständige in den Markt. Trotz KI-Features und topmodernem UX kommen sie aber kaum vom Fleck. Der Grund dafür liegt vor allem in einem gesättigten Markt mit hohem Lock-in-Effekt.

Kolumne von Urs Prantl
Vor rund fünfzehn Jahren nutzten nur die wenigsten Kleinstunternehmen und Selbständigerwerbende eine integrierte Business-Software. Ihre Administration erledigten sie in der Regel mit Word, Excel und Schreibblock. Dann betraten die ersten browserbasierten Cloudlösungen für Mini-KMU die Schweizer ERP-Bühne. Nicht zuletzt dank Fernsehwerbung zur besten Sendezeit – ich denke da an Bexio in seinen Anfangsjahren 2015 und 2016 – verbreiteten sie sich rasant. Den Rest erledigte der aufkommende Hype um die Digitalisierung.
Die drei aktuellen Marktführer Bexio, Klara und Swiss21 betreiben heute (nach eigenen Angaben) in der Summe rund 250‘000 Kunden. Rechnet man die nach wie vor vielerorts im Einsatz befindlichen Legacy-Lösungen aus der «Vor-Cloud-Zeit», geschätzt mit mindestens nochmals 100‘000 Kunden, hinzu, dann sind von den aktuell rund 550‘000 Microunternehmen in der Schweiz 350‘000 bis 400‘000 Unternehmen – d. h. rund 70 % – bereits mit Software der drei Cloud-Marktführer und alten On-Premise- bzw. Client/Server-Lösungen bedient. Addiert man, konservativ geschätzt, die zusätzlichen Cloud-Mitbewerber hinzu, dann sind wir bereits bei einer Abdeckung von etwa 75 % des Marktes. Und damit bei einem relativ gesättigten Markt.
Nachdem sich die Digitalisierung vom Hype zum täglichen Brot entwickelt hat, befinden wir uns bereits im nächsten Hype-Zyklus, dem der KI. Was eine nächste Generation von cloudbasierten ERP für das Kleinstsegment wie Pilze aus dem Boden schiessen lässt. Das sind KI-nahe Anbieter wie Infinity.swiss, Magic Heidi, Milkee oder Pfeffersack, die KI-gestützt automatisieren, was das Zeug hält. Gleichzeitig statten sie ihre Software mit den modernsten User Interfaces und UX aus, die die Softwaretechnik aktuell zu bieten hat. Damit lassen sie die Etablierten hinsichtlich Funktionalität, Nutzen und «Ease of Use» nicht selten uralt aussehen. Und müssten eigentlich den Markt im Sturm erobern. Doch das tun sie nicht – und werden sie auch nicht so schnell tun.
Ich spreche aus eigener Erfahrung. Als Bexio-Kunde der ersten Stunde mit mittlerweile fünfzehn Geschäftsjahren und den entsprechenden Daten in der Software würde ich zwar gerne auf eine coole, KI-affine Lösung umsteigen, habe aber weder Zeit noch Lust, den Aufwand zu betreiben und das Risiko eines Datenverlusts in Kauf zu nehmen. Ich – und der überwiegende Teil der 75 % Kleinstunternehmen – bin in meinem ERP faktisch «eingesperrt». Zum grossen Vorteil der Etablierten und zum noch grösseren Nachteil der Newcomer.
Eine für die Newcomer schwierige Ausgangslage. Obwohl ihre Software oftmals um Längen besser – und nicht selten auch massiv günstiger – ist, kommen sie nur schwer vom Fleck und gewinnen neue Kunden bloss in homöopathischen Dosen. Das Einzige, was dammbrechend helfen würde, wäre eine «Ein-Knopf-Migration» aus den Marktführer-ERP direkt ins eigene System. Als ehemaliger Softwareentwickler weiss ich aber auch: Das ist weder technisch einfach noch schnell und billig umzusetzen. Es sei denn, man setzt KI dazu ein?
Der Kolumnist

Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 26-2
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