Wir optimieren seit Jahren Screens, Formulare und Journeys. Immer stärker erwarten Anwenderinnen und Anwender, dass Benutzeroberflächen reibungslos funktionieren: Anlegen, abfüllen, finalisieren. Agents drehen den Spiess um: Nicht der Mensch bedient das System, sondern das System orchestriert den Ablauf und fragt nur noch bei Ausnahmen nach: Agents lösen die Oberfläche ab. Im ERP-System ist das nicht nur ein Hype, sondern bereits Realität.

Der Sales Order Agent (Verkaufsauftragsagent) in Dynamics 365 Business Central arbeitet mit wie ein Mitarbeiter des Verkaufsinnendiensts: Er überwacht die gemeinsame Mailbox für den Bestelleingang. Bestellungen mit Positionen und Mengen erkennt er aus dem E-Mail-Text oder den Attachements automatisch und erstellt das Angebot mit den Artikelzeilen im ERP-System. Bevor er die Antwort mit dem Angebot im Anhang verschickt, legt er die Arbeit zur Kontrolle und Freigabe vor.
Der Kunde antwortet im gleichen E-Mail-Thread mit «ja, bitte liefern» oder «Mengen ändern». Der Agent antwortet darauf («multi-turn-conversation»), setzt die Anweisungen um und macht aus der Bestellung einen Verkaufsauftrag.
Ich habe den Agenten schon mehrfach getestet: Es ist wirklich eindrücklich, wie gut er funktioniert. Er läutet einen Paradigmenwechsel ein:
Von Screens zu Entscheidungen
Klassische UX optimiert die Interaktion: Wo klicke ich, welches Feld ist Pflicht, wie komme ich ohne Umwege zum Beleg. Agents optimieren dagegen das Ergebnis: Routine, Klickerei sowie manuelle Arbeit verschwinden und Anwenderinnen und Anwender steigen erst bei Kontrolle und Freigabe ein:
- Von manuellem Anstossen → Ereignisse und Kontext lösen automatisch aus
- Vom Ausfüllen von Formularen → Datensätze entstehen aus Text und Belegen
- Vom Abklicken einzelner Schritte → Der Agent fragt nur bei Ausnahmen nach, die Nutzenden prüfen und bewilligen
Das User Interface wird zur Kontrollstation und ist nicht länger die Werkbank.
Oberflächen, die Nostalgie-Gefühle erwecken
In die Werkbank wurde in den vergangenen Jahren viel investiert: Moderne Cloud-Applikationen müssen heute reibungsarme Oberflächen bieten. Die Gesellschaft ist sich die User Experience von Smartphone-Apps gewohnt, da bleibt nicht viel Verständnis für komplizierte Benutzerführung.
In der Business-Software-Landschaft gibt es trotzdem noch die andere Seite: Anwendungen, deren Benutzeroberflächen sofort Nostalgie-Gefühle einer längst vergangenen On-Prem-Ära auslösen.
Agents müssen drei Kriterien zwingend erfüllen:
Agents funktionieren nur, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind:
- Nahtlose Integration: Der Sales‑Order‑Agent ist direkt dort eingebettet, wo die Arbeit stattfindet. Er wird automatisch aktiv – ohne zusätzlichen Klick.
- Nachvollziehbarkeit: Der Agent protokolliert jeden Schritt. An kritischen Punkten, etwa vor dem Versand einer Offerte, übergibt er zur Freigabe und hält den Menschen im Human‑in‑the‑Loop‑Prinzip eingebunden.
- Produktiver Output: Der Sales Order Agent führt Arbeitsschritte tatsächlich aus, statt nur Vorschläge zu machen. Und er tut das erstaunlich zuverlässig.
M365‑Copilot als Beispiel für die drei Kriterien
Diese drei Voraussetzungen zeigen sich beim M365‑Copilot sehr deutlich. Und er zeigt auch, wo die Grenzen heute noch liegen: Häufig liefert die KI eine Anleitung, wie eine Aufgabe erledigt werden kann, statt sie tatsächlich auszuführen. Der echte Mehrwert – produktive Automatisierung statt erklärender Texte – ist noch nicht durchgängig erreicht.
Aktuell nutzen nur rund 3,3 % der weltweit etwa 450 Millionen M365‑Abonnentinnen und ‑Abonnenten Copilot kostenpflichtig. Das zeigt, wie viel Potenzial noch ungenutzt ist.
Beispiel Google Shopping
Google Shopping ist ein weiteres gutes Beispiel: Google zieht strukturierte Produktinformationen direkt aus den Shops in die Suchresultate. Nutzerinnen und Nutzer vergleichen bereits auf der Resultateseite und gelangen mit einem einzigen Klick zum Produkt. Die Customer Journey wird dadurch nicht nur verkürzt, sondern auch verlagert – weg von der aufwendig gestalteten Shop‑Website hin zu Google als erstem und entscheidendem Touchpoint.
Beispiel Browser-Agents
Browser-Agents könnten das noch verschärfen: Man tippt nur «Produkt X, Schwarz, Lieferung bis Freitag, max. 180 Franken». Der Agent besucht mehrere Shops, vergleicht Preis, Verfügbarkeit, Lieferung und Retouren, macht zwei bis drei Vorschläge und legt den optimalen Warenkorb bereit. Der Mensch sieht nur noch die Zusammenfassung und klickt «freigeben» – die eigentliche Shop‑UI tritt in den Hintergrund.
Aktuell gibt es noch keine belastbaren Daten dazu, welchen Effekt die LLM-Chats auf das Online-Shopping haben.
Fazit: Outcome ist die neue Oberfläche
Menschen wollen Resultate, also Outcome, nicht Prozessarbeit. Das bedeutet nicht, dass UI und UX an Bedeutung verlieren – aber ihre Rolle verändert sich. Statt jeden einzelnen Schritt bedienbar zu machen, müssen sie künftig vor allem Transparenz, Kontrolle, Freigabe und den Umgang mit Ausnahmefällen elegant unterstützen. Die Oberfläche wird zur Kontrollinstanz, nicht mehr zur Werkbank.
Der Autor

Dieser Beitrag wurde ermöglicht von redPoint AG. Der IT-Anbieter ist spezialisiert auf die Einführung und den Betrieb der Cloud ERP Lösung Microsoft Dynamics 365 Business Central. www.redpoint.swiss
Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 26-1
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