Physical AI gilt als nächster Entwicklungsschritt der industriellen Digitalisierung. Doch was steckt hinter dem Begriff und warum verändert er die Art, wie Maschinen Entscheidungen treffen? Ein Blick auf die technologischen Grundlagen zeigt: Erst das Zusammenspiel weniger, aber entscheidender Bausteine macht datengetriebene Systeme tatsächlich handlungsfähig. NTT DATA beschreibt fünf Technologien, die dafür notwendig sind.

Was genau versetzt Maschinen in die Lage, eigenständig zu handeln? (Symbolbild von ZHENYU LUO via Unsplash)
Vom Datenanalysten zum Akteur in der realen Welt
Während klassische KI vor allem Daten analysiert, erweitert Physical AI diesen Ansatz um die direkte Interaktion mit der physischen Umgebung. Maschinen erfassen ihre Umwelt über Kameras, Lidar und weitere Sensoren, interpretieren Situationen selbstständig und reagieren flexibel auf Veränderungen. Regeln müssen nicht mehr vollständig vorab programmiert werden – die Systeme lernen, planen und handeln dynamisch.
Damit das funktioniert, greifen mehrere technologische Disziplinen ineinander und bilden einen geschlossenen Regelkreis aus Wahrnehmung, Interpretation und Aktion.
Die fünf Bausteine von Physical AI
1. Sensorik und Sensorfusion: Die Grundlage der Wahrnehmung
Moderne Sensoren erfassen Temperatur, Druck, Vibrationen, Positionen oder optische Eigenschaften. Erst die Kombination vieler Quellen – die sogenannte Sensorfusion – erzeugt ein konsistentes Gesamtbild. Maschinen können Zustände nicht mehr isoliert bewerten, sondern im Kontext mehrerer Parameter interpretieren. Das ist entscheidend für zuverlässige Anomalie-Erkennung und adaptive Prozesse.
2. Edge Intelligence: Entscheidungen in Millisekunden
Damit Maschinen in Echtzeit reagieren können, müssen Daten direkt dort verarbeitet werden, wo sie entstehen. Eingebettete Systeme führen KI‑Modelle lokal aus, unterstützt durch energieeffiziente Spezialchips. Das reduziert Latenzen, spart Bandbreite und ermöglicht unmittelbare Reaktionen – etwa bei Qualitätsabweichungen oder Verschleiss.
3. Künstliche Intelligenz: Der analytische Kern
Physical AI nutzt sowohl klassische KI‑Verfahren als auch moderne generative Modelle. Foundation Models und Vision‑Language‑Action‑Modelle (VLA) interpretieren visuelle Informationen, Sprache und Kontext gemeinsam. Maschinen können gesprochene Befehle verstehen, Situationen einschätzen und Aktionen auslösen. Klassische KI bleibt für deterministische Steuerungs‑ und Sicherheitsaufgaben unverzichtbar. Das grösste Potenzial entsteht dort, wo beide Ansätze zusammenwirken.
4. Vernetzung durch 5G/6G und industrielle Standards
Damit Physical‑AI‑Systeme konsistent arbeiten, müssen Daten schnell und sicher übertragen werden. 5G und perspektivisch 6G ermöglichen latenzarme Kommunikation zwischen Maschinen, Sensoren und IT‑Systemen. Standardisierte Protokolle und semantische Datenmodelle sorgen dafür, dass unterschiedliche Systeme dieselbe Sprache sprechen – eine Voraussetzung für durchgängige Interoperabilität.
5. Fortschrittliche Robotik und adaptive Aktorik
Roboter und Aktoren setzen Entscheidungen physisch um. Neue Generationen reagieren flexibel auf ihre Umgebung, passen Bewegungen dynamisch an und arbeiten auch in unstrukturierten Umgebungen zuverlässig. Kollaborative Roboter, autonome Transportsysteme und adaptive Greifer schliessen den Regelkreis zwischen Wahrnehmung und Aktion.
„Erst wenn Sensorik, KI, Konnektivität und Robotik ineinandergreifen…“
Oliver Köth, Managing Director Technology & Innovation DACH bei NTT DATA, bringt die Bedeutung des Zusammenspiels auf den Punkt:
„In klassischen Fertigungsumgebungen war das mechanische Zusammenspiel der Maschinen jahrzehntelang der entscheidende Faktor für Effizienz und Produktivität. Zwar zählt das Ergebnis weiterhin – doch unser Verständnis von Automatisierung hat sich verändert. Mit Physical AI lassen sich Systeme schaffen, die eigenständig mit Unsicherheit und Varianz umgehen und daraus die richtigen Entscheidungen ableiten. Voraussetzung dafür ist das Zusammenspiel mehrerer technologischer Entwicklungen. Erst wenn Sensorik, KI, Konnektivität und Robotik nahtlos ineinandergreifen, entstehen Systeme, die ihre Umgebung verstehen und eigenständig handeln können.“
Fazit: Physical AI wird zur Schlüsseltechnologie der nächsten Industrie‑Generation
Physical AI markiert den Übergang von datengetriebenen Systemen zu Maschinen, die ihre Umwelt aktiv interpretieren und autonom handeln. Für Fertigungsunternehmen eröffnet das neue Möglichkeiten in Qualitätssicherung, Logistik, Robotik und adaptiver Produktion. Die fünf Bausteine zeigen klar: Die Zukunft der industriellen Digitalisierung entsteht nicht durch eine einzelne Technologie, sondern durch das präzise Zusammenspiel vieler.
Über NTT DATA GROUP
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