Odoo & Co: Eine Business-Perspektive auf Open Source Software

09.01.2024
5 Min.
Heute ist Open Source Software in der Informatikbranche weit verbreitet. Wie aber funktioniert das Geschäftsmodell mit gratis verfügbarer Software und welches sind konkrete Erfolgsbeispiele? Dieser Beitrag zeigt das Business-Potenzial von Open Source und behandelt dabei auch das Open Core Modell der Open Source ERP-Software Odoo.
 
 
Open Source Software (OSS) kennen heute alle in der IT-Branche. Seit 25 Jahren gibt es diesen Begriff, denn 1998 machte die «Open Source Initiative» (OSI) die noch heute gültige «Open Source Definition» betreffend OSS-Lizenzen bekannt. Trotzdem gibt es immer wieder Missverständnisse: So meinen einige, dass nur Hobby-Programmierer OSS entwickeln oder dass Open Source Programme nicht kommerziell sein könnten. Solche Mythen greift der folgende Beitrag auf und zeigt, wie das Open Source Umfeld in letzter Zeit massiv an Business-Relevanz gewonnen hat.
 

Big Business mit Open Source

Angefangen hat es in den 80er-Jahren mit der «Free Software» Bewegung von Richard Stallman. Seine Motivation war und ist idealistisch geprägt: Software soll allen frei zugänglich sein. Mit dem durch die OSI eingeführten Begriff «Open Source Software» gab es aber einen Paradigmenwechsel: Auch wenn inhaltlich freie Software das Gleiche ist wie OSS, stehen bei letzterer der offene Quellcode und die kommerziellen Möglichkeiten im Zentrum. Folglich ist OSS heute nicht mehr nur für intrinsisch motivierte Menschen reserviert, sondern oft sind nun auch klare Business-Interessen involviert.
 
Deutlich wurde dies, als Microsoft 2018 für 7,5 Milliarden USD die Firma GitHub kaufte. GitHub war damals (und ist noch heute) die grösste Plattform für die Entwicklung und Veröffentlichung von OSS-Anwendungen und Komponenten. Aktuell sind auf GitHub über 90 Millionen Software Developer aktiv, eine wichtige Zielgruppe fürs Recruiting von Microsoft. 
 
Ebenfalls 2018 kaufte IBM den OSS-Hersteller Red Hat für sagenhafte 34 Milliarden USD – bis dahin die grösste Software-Firmenübernahme weltweit. IBM wollte sich so den Zugang zum Cloud- und Middleware-Markt rund um Java sichern. 
 
Ebenfalls monetär getrieben ist die Venture Capital Firma OSS Capital, die ausschliesslich in Early-Stage OSS Startups investiert. So ist etwa OSS Capital an der Firma stability.ai beteiligt, die mit Stable Diffusion eine der führenden OSS-Technologien für generative künstliche Intelligenz (KI) entwickelt. Die letzte Finanzierungsrunde im Oktober 2022 erhöhte den Marktwert von stability.ai auf rund eine Milliarde USD, weitere Geldspritzen könnten folgen. 
 
Noch aktueller und grösser ist zurzeit Hugging Face: Das französisch-amerikanische Unternehmen hat in den letzten drei Jahren eine Plattform aufgebaut, die hunderttausende OSS KI-Modelle und Datensammlungen für Machine Learning anbietet. Ende August 2023 haben Google, Amazon, Nvidia, Intel, AMD, IBM, Salesforce und weitere grosse Firmen über 230 Millionen USD in Hugging Face investiert, sodass diese Firma nun mit über 4 Milliarden Dollar bewertet wird.
 

Open Source Geschäftsmodelle

Das kommerzielle Potenzial von OSS ist somit offensichtlich. Aber wie kann man nun mit Gratis-Software konkret Geld verdienen? Das Geschäftsmodell mit OSS ist im Grundsatz simpel: Da für die Software selbst keine Lizenzgebühren verlangt werden können (weil die Programme inklusive Quellcode gratis auf dem Internet verfügbar sind), stehen bezahlte Dienstleistungen für OSS im Vordergrund. Dies sind erstens Beratung, Installation, Konfiguration, Schulung, spezifische Anpassungen usw. Schweizer OSS Dienstleister wie Adfinis, Camptocamp oder Snowflake bieten für bekannte OSS Produkte wie Linux, Odoo oder TYPO3 ihr Know-how an. Durch kompetente Mitarbeitende können sie professionelle Services jeder Art offerieren.
 
Zweitens gibt es Geschäftsmodelle rund um den sicheren und zuverlässigen Betrieb von OSS. Firmen wie Puzzle ITC bieten für ihre OSS Adressverwaltungs-Applikation Hitobito eine «Cloud»-Version an. So erhalten Kunden eine angepasste Instanz von Hitobito auf Servern von Puzzle als «Software-as-a-Service»-Dienstleistung. Alternativ können die Kunden Hitobito auch auf eigenen Servern installieren, falls sie interne IT-Fachleute haben – die digitale Souveränität ist somit gewährleistet. Selbst Mitbewerber von Puzzle können konkurrenzierende Hitobito-Angebote anbieten, wenn sie bei der Weiterentwicklung in der Community auf GitHub mit Puzzle und aktiven Kunden zusammenarbeiten.
 
Eine dritte Variante von Business mit OSS betrifft Enterprise-Versionen und Subscriptions. Grosse Firmen wie Red Hat (IBM) und SUSE entwickeln u.a. die Linux-Distributionen «Red Hat Enterprise Linux» (RHEL) und «SUSE Linux Enterprise Server» (SLES) und bieten dafür Wartung und Support sowie Garantien und Gewährleistung an. Sie können dies tun, weil sie sogenannte «Core Developers» (Hauptentwickler der Software) von Linux bei sich angestellt haben. Diese interne Fachkompe-tenz erlaubt es den Anbietern zuverlässig zu reagieren, wenn rasch ein Sicherheits-Update (Security Patch) wegen einer entdeckten Lücke gebraucht oder die Rückportierung eines Upgrades auf eine ältere Version notwendig wird.
 
Ähnlich arbeitet die deutsche Firma Nextcloud, die eine OSS-Variante von Dropbox, Microsoft OneDrive oder Google Drive entwickelt und sogenannte Subskriptionen für Firmen, Behörden, Schulen usw. anbietet. Bei solchen Nutzeranzahl-abhängigen Software-Abos können die Kunden von Nextcloud ihre Daten auf eigenen Servern behalten, aber die Verantwortung für die Updates und die Weiterentwicklung der Software wird an die Firma Nextcloud übertragen. Generell bezahlen Kunden bei diesem Geschäftsmodell für die langfristige Weiterentwicklung und den stabilen Betrieb, was besonders bei geschäftskritischen Systemen wichtig ist. Dennoch stehen auch bei diesem klassischen Subscriptions-Modell den Kunden alle Features der Software als OSS-Quellcode zur Verfügung.
 

Open Core Modell von Odoo

Ein etwas anderes Geschäftsmodell verfolgen Firmen, die das so genannte «Open Core» Prinzip anwenden. Wie der Name sagt, ist bei «Open Core» nur der Kern der Software unter einer OSS-Lizenz frei verfügbar. Die «Community Edition» wird gratis zur Verfügung gestellt und ist lauffähig, bietet jedoch einen eingeschränkten Funktionsumfang. Erst mit der kostenpflichtigen «Enterprise Edition» können auch proprietäre Features mit verschlossen gehaltenem Quellcode genutzt werden.
 
Ein bekanntes Open Core Produkt ist Odoo von der gleichnamigen belgischen Firma. Odoo gilt im ERP-Umfeld als die am weitesten verbreiteten OSS-Lösung. Das Unternehmen wurde 2005 durch Fabien Pinckaers mit dem Produkt TinyERP gegründet. Später hat er die Software in OpenERP und 2014 schliesslich in «Odoo» umbenannt. Durch das Open Core Modell ist bei Odoo nur die ERP-Kernanwendung als OSS Code auf GitHub verfügbar. Diese Kernanwendung kann entweder durch die vielen von der Community gepflegten Module oder mit denen von der Firma Odoo gewarteten Enterprise-Version zu einem vollwertigen ERP erweitert werden. 
 
Während die reine Verwendung von Community-Modulen den Betrieb mit geringer Abhängigkeit von dem Unternehmen Odoo ermöglicht, bietet die Enterprise-Version die Vorteile eines professionell betreuten und fortlaufend weiterentwickelten Systems. Auch können die weltweit über 2000 Odoo-Partnerfirmen eigene Erweiterungen (Apps) entwickeln und diese als OSS-Plugins oder auch als proprietäre Komponenten vertreiben. Heute bieten in der Schweiz Camptocamp, Abilium und über 30 weitere Schweizer Firmen professionelle Dienstleistungen für Odoo an und können Hunderte von erfolgreichen Odoo-Integrationen vorweisen.
 

Plattformen und Vernetzung betreffend Open Source Software

Neben Odoo gibt es heute viele weitere OSS-Business-Anwendungen. Das OSS-Directory schafft einen Überblick der zahlreichen Schweizer Firmen, die Dienstleistungen für spezifische OSS-Produkte anbieten und erfolgreiche Success Stories vorweisen können. Auf AlternativeTo sind Tausende von OSS-Alternativen zu proprietären Produkten portraitiert. Und für den kontinuierlichen Informationsaustausch zu OSS-Trends und Technologien vernetzt der Verein CH Open die Führungs- und Fachleute in der Schweiz. Zahlreiche Business-Events, die frei nutzbare Open Source Video Conferencing Plattform BigBlueButton oder die Schweizer Open Source Studie sind einige der Aktivitäten, die CH Open mit seinen über 300 Mitgliedern verantwortet. 
 
 

Der Autor

 
 
Matthias Stürmer ist Professor an der Berner Fachhochschule (BFH) und Leiter sowohl des Instituts Public Sector Transformation im BFH Departement Wirtschaft als auch der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit am Institut für Informatik der Universität Bern. www.bfh.ch/ipst

Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 23-3

 

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