Cyberkriminalität im Wandel: Weniger Malware, bessere Phishing-Angriffe. Internetbetrüger gehen mit der Zeit und profitieren von neuen Technologien. Können wir uns noch schützen?

Symbolbild von Brian Penny via Pixabay
Online-Kriminalität hat sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Während Unternehmen, Behörden und Privatpersonen zunehmend digital arbeiten, nutzen auch Kriminelle die neuen Technologien. Besonders die Künstliche Intelligenz (KI) dient heute oft als Werkzeug zur Verfeinerung und Automatisierung von Betrugsversuchen.
Wie KI Betrügern hilft
Täuschend echt wirkende Phishing-Mails waren bereits vor ChatGPT und Konsorten Standard. Dank KI können diese noch schneller, personalisierter und glaubwürdiger verfasst werden. Etwa in Mundart, auf den vom Opfer favorisierten Kommunikationskanälen wie beispielsweise WhatsApp und mit Bezug zu realen Gegebenheiten und Ereignissen. Autonome KI-Agenten liefern den Betrügern persönliche Angaben zum Opfer, etwa aus den Sozialen Medien und durch grosse Datenauswertungen.
Mittels Deepfakes lassen sich darüber hinaus sehr einfach gefälschte Audio- und Videonachrichten realer Personen verschicken und sogar Telefonanrufe oder Video-Calls in Echtzeit fingieren. Wenn der Kommunikationspartner nicht nur plausible Sachverhalte vorgibt, sondern auch so aussieht und spricht wie der eigene Sohn, die Chefin oder der Bankkundenberater, wird die Enttarnung des Betrugsversuches sehr schwierig.
Zwar wird die Verwendung gefälschter Telefonnummern (sog. Call ID Spoofing) in der Schweiz 2026 verboten. Ob alle Telekom-Anbieter effektive Gegenmassnahmen flächendeckend schnell umsetzen können, wird sich aber erst zeigen. Und Erkennungsprogramme gegen Deepfakes werden immer effektiver und erschwinglicher, hinken der Qualität der Fälschungen aber konstant hinterher.
Wie effektiv die neueren Taktiken sind, zeigt die Betrugsstatistik: Während die Verbreitung von Schadsoftware wie Bankentrojaner seit über zwei Jahren rückläufig ist, explodieren die Zahlen ausgeklügelter Phishingangriffe per Telefon und Messengerdienst regelrecht. Ebenso haben Attacken mit Fernwartungssoftware deutlich zugenommen: Kriminelle erschleichen sich als angebliche Bankangestellte oder Supportmitarbeiter Zugriff auf den Computer des Opfers, um ins E-Banking zu gelangen oder Passwörter und Kreditkartendaten auszuspionieren.
Dauerbrenner wie Anlage-, Liebes- oder Kleinanzeigenbetrug werden durch die neuen Technologien ebenso beflügelt, also immer glaubhafter und raffinierter. Multipliziert man die aktuellen hochprofessionalisierten Angriffstechniken mit den seit Jahrzehnten ungelösten Sicherheitsproblemen wie Schwachstellen in Systemen und Netzwerken, wird einem fast schwindelig.
Vorher prüfen statt nachher bereuen
Zwar profitieren auch Sicherheitslösungen zunehmend von KI-gestützter Erkennung verdächtiger Aktivitäten. Cyberkriminalität ist jedoch längst kein rein technisches Problem mehr, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung, bei der Technik, Organisation und persönliche Aufmerksamkeit zusammenwirken müssen. Politik und Unternehmen haben die Aufgabe erkannt. Wirksame Massnahmen eilen den flinken Internetbetrügern aber hinterher. Mehr denn je ist der präventive Beitrag jedes Einzelnen gefragt.
Bewährte Vorsichtsmassnahmen haben dabei keinesfalls ausgedient: Regelmässige Datensicherungen, zeitnahe Updates, Virenscanner und Zugangsschutz auf allen Geräten mithilfe starker Passwörter, Biometrie oder Passkeys sind nach wie vor Pflicht. Darüber hinaus wird Wachsamkeit und gesunde Skepsis immer entscheidender.
Heisst: Vor jeder Handlung mit Betrugspotenzial braucht es eine Prüfaktion – Sachverhalt auf anderem Kanal verifizieren, Chef oder Bank über die offizielle Nummer zurückrufen, Zweitmeinung einholen. Wer digitale Kommunikation nicht mehr automatisch für echt hält, schützt sich heute am wirksamsten.
Der Autor
Björn Näf ist Senior Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Programmleiter an der Hochschule Luzern – Informatik. Er unterrichtet unter anderem in den Bereichen Cyber Security und Software-Engineering & Development.
www.hslu.ch
Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 26-2
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