Wenn die KI nicht versteht: Kollaboration als Lösung

08.01.2026
4 Min.

In der Kommunikation zwischen Chatbots und der User kommt es oft zu Missverständnissen, die beispielsweise im E-Commerce zum Kaufabbruch führen. Erfahren Sie, wie Unternehmen durch partnerschaftliche Fehlerbehandlung die Mensch-KI-Kommunikation erfolgreich gestalten.

 

Symbolbild Pixabay

 

Digitale Assistenzsysteme – ob Chatbots, Service-KI oder andere dialogorientierte Tools – gelten seit Jahren als grosses Versprechen für effizientere Interaktionen zwischen Unternehmen und Kundschaft. Sie sind rund um die Uhr verfügbar, skalierbar und schnell. Doch in der Realität zeigt sich immer wieder, wie fragil diese Interaktionen sein können: Missverständnisse zwischen Mensch und KI gehören zu den häufigsten Momenten, in denen digitale Kommunikation ins Stocken gerät. Die Schweiz befindet sich mitten in der KI-Adoption – rund 60 Prozent der Bevölkerung nutzen bereits KI-Tools wie ChatGPT [1] – doch der Kundennutzen bleibt oft hinter den Erwartungen zurück. Laut einer Marktstudie [2] empfinden rund 80 Prozent der Kund:innen die Interaktion mit Chatbots als anstrengend, fast drei Viertel halten sie sogar für Zeitverschwendung.
 
Missverständnisse sind dabei kein Spezialfall technischer Schwäche, sondern ein strukturelles Phänomen. Sprache ist komplex, Anliegen sind vielfältig, und auch moderne KI-Systeme interpretieren nicht immer eindeutig. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie man Fehler vollständig vermeiden kann, sondern wie Mensch und KI gemeinsam damit umgehen. Genau hier setzt unser neuer Forschungsartikel Overcoming Breakdowns in Customer-Chatbot Interaction: Design and Impact of Collaborative Repair Strategies an. Er zeigt, wie viel Potenzial entsteht, wenn Mensch und KI sich nicht in einer Konfrontation gegenüberstehen, sondern aktiv zusammenarbeiten – und Missverständnisse gemeinsam beheben.
 

Warum herkömmliche Fehlerdialoge an ihre Grenzen stossen

In vielen digitalen Dialogen läuft die Behebung von Missverständnissen noch nach starren, einseitigen Mustern ab. Die Kundschaft wird gebeten, ihre Frage erneut zu formulieren – häufig ohne nachvollziehbare Hinweise, wie das gelingen kann und nur mit einem generischen «Das habe ich nicht verstanden.» Oder die KI liefert eine Antwort, die nur entfernt mit dem ursprünglichen Anliegen zusammenhängt.
 
In beiden Fällen trägt eine Seite die gesamte Last: Entweder soll der Mensch erraten, was die KI verstehen kann, oder die KI spekuliert, was der Mensch gemeint haben könnte. Die Studie zeigt, dass dieses Ratespiel Interaktionen unnötig erschwert. Manche Kunden brechen Gespräche nach einem Missverständnis sofort ab; andere versuchen es auf eigene Faust – oft ohne Erfolg. Für Unternehmen sind das verlorene Kontaktmomente in einem Self-Service-Angebot, obwohl viele Anliegen eigentlich lösbar wären.
 

Ein Perspektivwechsel: Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit

Um diese Blockaden aufzubrechen, muss ein Perspektivwechsel vollzogen werden: Weg von einer Kommunikation, die Fehler auf eine Seite abwälzt, hin zu einer echten Human–AI Collaboration. Die Grundlage bildet ein Konzept aus der Kommunikationsforschung, die Theory of Least Collaborative Effort. Sie beschreibt, dass Verständigung am besten gelingt, wenn beide Gesprächsbeteiligte nicht nur versuchen, ihren eigenen Aufwand zu minimieren, sondern den gemeinsamen Aufwand für sich selbst und ihr Gegenüber.
 
Übertragen auf KI bedeutet das: Systeme sollten Fehler nicht verschleiern oder die Kundschaft allein lassen, sondern transparent machen, was sie nicht verstanden haben, und nachvollziehbare Hinweise geben, wie ein Anliegen klarer formuliert werden kann. Statt einer Standardfloskel gibt die KI einen diagnostischen Hinweis, etwa: «Ich habe Schwierigkeiten mit sehr langen Sätzen. Könntest du dein Anliegen bitte in kurzen Stichpunkten wiederholen?» So bleibt die Kontrolle weiterhin beim Menschen, aber die KI liefert die notwendige Orientierungshilfe und schafft Verständnis bei Kundinnen, um den Dialog wieder auf Kurs zu bringen. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass Kunden bereit sein müssen, der KI beim Verständnis zu helfen und ihr eine weitere Chance zu geben.
 

Ein Experiment im Realbetrieb

Wie sich dieses Prinzip in der Praxis umsetzen lässt, zeigte ein gemeinsames Forschungsprojekt mit einem führenden europäischen Versicherer. Ausgangspunkt war die Frage, in welchen Situationen Mensch und KI besonders leicht aneinander vorbeikommunizieren. Dafür wurden mehr als 20'000 echte Chatverläufe analysiert, aus denen 5668 Nachrichten herausgefiltert wurden, die zu einem Missverständnis geführt hatten. Die Auswertung machte deutlich, dass Missverständnisse vor allem dann entstanden, wenn Anfragen entweder ungewöhnlich lang oder sehr knapp formuliert waren, stark vom typischen Sprachgebrauch abwichen oder so kryptisch ausfielen, dass sich keine klare Intention erkennen liess.
 
Für diese Fälle wurden spezifische Reparaturstrategien (Hilfestellungen) und erklärende Hinweise entwickelt, die die KI situativ ausspielen kann. Nach Tests in Online-Experimenten folgte die Integration in den Live-Betrieb mittels eines Machine-Learning-Modells, das Nachrichten in Echtzeit klassifizierte und bei Missverständnissen die passende Hilfestellung wählte: Von niedrigschwelligen Hinweisen bis zur Eskalation an menschliche Mitarbeitende, wenn mehrere Versuche scheiterten.
 

Was passiert, wenn Mensch und KI besser zusammenarbeiten

Ob dieser Ansatz tatsächlich wirkt, wurde in einem umfangreichen Live-A/B-Test überprüft, bei dem der kollaborative Ansatz mit der Standardversion des bisherigen Chatbots verglichen wurde. Mehr als 4300 reale Interaktionen wurden ausgewertet, davon 1352 mit mindestens einem Missverständnis im Gespräch. Die Ergebnisse zeigen deutlich, wie stark Human–AI Collaboration die Interaktion verbessert:

 

Metrik

Veränderung

Lösungsquote nach Missverständnis

+18 %

Anteil sofortiger Abbrüche nach Fehler

-19 %

Kundenzufriedenheit (auf 5-Sterne-Skala)

+0,54 Punkte

 
Die Erfolgsquote war in der kollaborativen Variante um knapp 18 Prozent höher als beim bisherigen Chatbot. Der Anteil der Kundinnen, die den Dialog nach einem ersten Missverständnis sofort abbrachen, sank um knapp 19 Prozent. Nutzenden gaben der KI also häufiger eine zweite Chance. Die Zufriedenheit fiel höher aus: Die Bewertung des Chatverlaufs lag im Durchschnitt um 0,54 Punkte höher (auf einer 5-Sterne-Skala) – ein klarer Hinweis darauf, dass Transparenz und kollaborative Reparaturstrategien die Frustration massiv senken.
 

Was Unternehmen aus diesen Ergebnissen lernen können

Die Studie verdeutlicht, dass die Zukunft digitaler Services nicht allein von technischen Optimierungen abhängt. Entscheidend ist, wie Mensch und KI miteinander interagieren, besonders in Momenten, in denen etwas schiefgeht. Systeme, die Missverständnisse offen adressieren, die Kundschaft aktiv einbeziehen und nachvollziehbare Unterstützung bieten, schaffen stabilere und vertrauensvollere Dialoge. Dieses Prinzip der kollaborativen Problemlösung gilt dabei nicht nur für Service-Chatbots, sondern für alle Formen der Mensch-KI-Zusammenarbeit: Von der medizinischen Diagnostik, wo KI bei Unsicherheiten Rückfragen an Ärztinnen stellen sollte, bis hin zu komplexen Entscheidungsunterstützungssystemen.
 
Für Schweizer Unternehmen, die KI-Systeme einsetzen, ist dieser Ansatz besonders relevant. Die Schweiz erlebt eine hohe KI-Adoption, doch die Qualität der Mensch-KI-Interaktion entscheidet über den tatsächlichen Erfolg. Unternehmen, die kollaborative Reparaturstrategien implementieren, können ihre digitalen Services deutlich verbessern und gleichzeitig das Vertrauen ihrer Kundschaft stärken.
 

Handlungsempfehlungen

Basierend auf den Studienergebnissen sollten Unternehmen folgende Schritte einleiten:
  1. Fehlermuster systematisch analysieren: Identifizieren Sie, an welchen Stellen und warum die Kommunikation zwischen Kunden und Ihrem KI-System heute scheitert. Nutzen Sie dafür Chat-Protokolle und Kundenfeedback.
  2. Collaborative Repair Strategies entwickeln: Ersetzen Sie generische Fehlermeldungen durch spezifische, diagnostische Hinweise. Geben Sie den Nutzenden Orientierung, wie sie ihr Anliegen präzisieren können.
  3. Transparenz als Prinzip verankern: Gestalten Sie KI-Interaktionen so, dass die Fähigkeiten und Grenzen des Systems für die Nutzenden nachvollziehbar sind. Dies stärkt das Vertrauen und schafft eine Basis für echte Zusammenarbeit.
  4. Eskalationspfade definieren: Legen Sie fest, wann und wie ein Gespräch an menschliche Mitarbeitende eskaliert werden sollte, wenn die KI trotz Hilfestellung nicht weiterkommt.
  5. Erfolg neu definieren: Messen Sie nicht nur die Effizienz (z. B. Anzahl bearbeiteter Anfragen), sondern auch die Qualität der Interaktion, die Lösungsquote nach Missverständnissen und die Kundenzufriedenheit.
 

Fazit: Die Zukunft gehört der kollaborativen KI

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass erfolgreiche Human-AI-Systeme nicht auf reine Präzision setzen dürfen. Sie brauchen kommunikative Mechanismen, die Missverständnisse abfedern, Erwartungen klären und die Interaktion gemeinsam voranbringen. Wenn KI-Systeme nicht versuchen, Unklarheiten zu kaschieren, sondern partnerschaftlich mit den Nutzenden an deren Auflösung arbeiten, entsteht eine neue Form digitaler Zusammenarbeit und das ursprüngliche Versprechen intelligenter Assistenz rückt ein grosses Stück näher.
 

Quellen

 

Die Autoren 

 
 
Dr. Fabian Reinkemeier ist Senior Managing Consultant bei elaboratum sowie assoziierter Forscher an der Universität Göttingen. Als Verhaltensökonom und Experte für KI fokussiert er sich auf die Mensch-KI-Kollaboration. Er begleitet u.a. führende Finanz- und Versicherungsunternehmen bei der strategischen Umsetzung von KI-Projekten. Sein Ziel: Mit nutzerzentrierten KI-Lösungen Kundenbeziehungen stärken, die technologische Akzeptanz bei Mitarbeitenden fördern und nachhaltige Wettbewerbsvorteile ermöglichen.
 
 
Prof. Dr. Ulrich Gnewuch ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Passau und Inhaber des Lehrstuhls für Nachvollziehbare KI-basierte Betriebliche Informationssysteme. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen die Gestaltung, die Nutzung und die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen und in der Gesellschaft. Besonders wichtig ist ihm dabei der enge Austausch mit der Praxis, um Fragestellungen zu beantworten, die neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch Mehrwert für Unternehmen schaffen und Impulse für die Gesellschaft geben. 

 

 

Über elaboratum suisse

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