Der Arbeitsmarkt verändert sich rasant, während viele Organisationen weiterhin in überholten Rollenbildern denken. Gleichzeitig bleiben Talente unentdeckt, die für moderne Unternehmen entscheidend wären – vielbegabte Menschen, die Komplexität mühelos integrieren. Die Rolle der Chief of Staff und das CEO Office zeigen exemplarisch, wie neue Führungsarchitekturen entstehen und warum Unternehmen sich bewegen müssen.

Symbolbild Copilot
Die Wirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Künstliche Intelligenz, steigende Komplexität und veränderte Anforderungen an Zusammenarbeit treffen auf Organisationsstrukturen, die für eine deutlich stabilere Vergangenheit geschaffen wurden. In meinen Gesprächen mit Führungskräften – sei es in der Business School oder in der Chief of Staff Community – erlebe ich immer wieder, wie sehr diese alten Strukturen heute an ihre Grenzen kommen. Gleichzeitig bleibt ein erhebliches Potenzial ungenutzt: Menschen mit ausgeprägter Vielbegabung, die in traditionellen Berufsbildern kaum sichtbar werden, obwohl genau ihre Fähigkeiten für moderne Unternehmen entscheidend sind.
Vielbegabte Talente denken nicht entlang linearer Karrierewege, sondern bewegen sich zwischen Disziplinen, verbinden Perspektiven und erfassen Zusammenhänge schnell und intuitiv. In klassischen Rollen fühlen sie sich oft eingeengt, doch für Schnittstellenfunktionen sind sie besonders geeignet.
In Unternehmen, die ich begleite, zeigt sich immer wieder ein Muster: Sobald vielbegabte Menschen einen Raum erhalten, in dem sie diese Beweglichkeit leben dürfen, steigt die Klarheit in der Organisation und nicht die Unruhe, wie hier und da befürchtet.
Neulich sprach ich mit einem Mitarbeitenden aus einem grossen Konzern, der mich wegen des Themas Vielbegabung kontaktiert hatte. Er beschrieb mir seine vier Rollen: Circle Lead, Chapter Lead, SPoC – also Single Point of Contact – und Projektleiter. Sein Chef fordere ihn regelmässig auf, sich endlich für eine Rolle zu entscheiden. Er hingegen verstand gar nicht, wofür – und warum. Er sagte zu mir: «Ich liebe diese Vielfalt. Genau darin werde ich wirksam.» Es war einer dieser Momente, in denen mir wieder bewusst wurde, wie stark das alte Denken in eindeutigen Rollen Bildern erzeugt, die mit gelebter Realität längst nichts mehr zu tun haben.
Vielbegabte Talente als unterschätzte Zukunftskraft
Seit Jahren wird darüber diskutiert, dass neue Berufsbilder entstehen müssen, um diesen Veränderungsdruck aufzufangen. Die Realität zeigt jedoch: Die Zeit dafür ist längst gekommen. Die Herausforderung liegt weniger in der Identifikation geeigneter Talente als vielmehr in den vorherrschenden Organisationsstrukturen. Diese orientieren sich zumeist an eindeutigen Profilen und standardisierten Laufbahnen – und blenden damit jene aus, deren Stärke im Zusammenspiel verschiedener Kompetenzen liegt. Dies ist keine Vorhaltung, sondern eine Einladung, Rollen neu zu denken und Potenziale sichtbar zu machen.
Ein Berufsbild zeigt exemplarisch, wie sich dieser Wandel vollzieht: die Rolle der Chief of Staff. In den USA hat sie in den vergangenen drei bis fünf Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Unternehmen erkannten, dass die steigende Komplexität neue Formen der Führungsvorbereitung, Entscheidungslogik und Priorisierung erfordert.
In meiner eigenen Arbeit habe ich immer wieder erlebt, wie stark Organisationen aufatmen, wenn diese Rolle erstmals besetzt wird. Plötzlich entsteht ein Ort, an dem Fäden zusammenlaufen und nicht verheddern.
Die Chief of Staff fungiert dabei als strategische Integratorin zwischen Geschäftsführung und Organisation. Sie klärt Prioritäten, strukturiert Multiprojektlandschaften, verbindet Analyse mit Umsetzung und hält jene Räume, in denen Tempo und Präzision gleichzeitig notwendig sind. Schrittweise etabliert sich diese Rolle nun auch in Europa.
Die Chief of Staff als klares Signal neuer Führungslogiken
Die Chief of Staff agiert in unmittelbarer Nähe zur Geschäftsführung und übernimmt eine zentrale Funktion in der Verbindung von Strategie, Umsetzung und organisationaler Kohärenz. Sie schafft Klarheit in komplexen Vorhaben, begleitet Transformationen und fungiert als Sparringspartnerin auf Augenhöhe. Die Rolle ist kein Assistenzberuf und auch keine administrative Erweiterung bestehender Strukturen, sondern Ausdruck einer modernen Form von Unternehmensführung. Immer häufiger beinhaltet sie zudem den bewussten Einsatz von KI als Partner in Analyse, Priorisierung und Entscheidungsfindung.
Besonders deutlich wird die Veränderung im sogenannten CEO Office, das als strukturelle Einheit aus drei Rollen besteht: dem CEO als Richtungsgeber und Entscheider, der Chief of Staff als strategischer Partnerin auf Augenhöhe und der Executive Business Partnerin (auch bekannt als Executive Assistant) als Garantin für operative Exzellenz, Kommunikationsfluss und Stabilität. Dieses Dreieck bildet eine leistungsfähige Führungsarchitektur, die Geschwindigkeit, Verbindlichkeit und strategische Klarheit miteinander verbindet. Es verschiebt Verantwortung von einzelnen Personen hin zu einem abgestimmten, systemischen Wirkraum.
Wo dieses Modell konsequent gelebt wird, zeigt sich seine Wirkung unmittelbar: Die Kommunikationsflüsse beruhigen sich, Entscheidungen werden klarer, und der CEO gewinnt an strategischer Präsenz. Das klingt schlicht, ist es aber nicht. Es ist eine Führungslogik, die dem Tempo und der Komplexität unserer Zeit standhält – jenseits der alten Kategorien, präziser, ruhiger und zugleich kraftvoller.
Das CEO Office als Architektur moderner Wirksamkeit
Innerhalb dieses Modells wird sichtbar, welche Menschen in Zukunft besonders wirksam sein können. Vielbegabte Talente passen häufig genau dorthin, wo Schnittstellen, Entscheidungsräume und komplexe Kontextwechsel den Arbeitsalltag prägen. Sie können Perspektiven integrieren, Muster lesen, rasch lernen und Verantwortung übernehmen.
In der Rolle der Chief of Staff zeigt sich dies besonders deutlich: Sie verbindet strategische Gestaltungskraft mit analytischer Tiefe, kultureller Sensibilität und einer hohen Fähigkeit, KI als Partner zu nutzen.
Der Wandel in den Berufsbildern vollzieht sich damit nicht nur durch neue Titel, sondern durch ein neues Verständnis von Zusammenarbeit. Unternehmen, die Rollen neu denken, gewinnen an Orientierung, treffen klarere Entscheidungen und reagieren flexibler auf Veränderungen. Sie schaffen Räume, in denen Talente wirken können, die bisher kaum sichtbar wurden, weil sie in keine klassische Laufbahn passten.
Gleichzeitig zeigt sich, dass der Einsatz von KI das Bedürfnis nach menschlicher Urteilskraft nicht reduziert, sondern verstärkt. Je schneller Systeme werden, desto essenzieller werden Menschen, die Muster deuten, Prioritäten setzen und Ambiguität ausbalancieren können.
Das Beispiel der Chief of Staff verdeutlicht daher mehr als eine neue Position. Es steht für einen fundamentalen Wandel: weg von engen Berufsgrenzen, hin zu fluiden Rollen, die Verantwortung, Analyse, Umsetzung und Kultur verbinden.
Immer wieder beobachte ich, wie Menschen – vor allem vielbegabte – in diesem Raum aufblühen. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil es sie fordert. Und weil sie darin das finden, was moderne Organisationen so dringend brauchen: Klarheit im Wandel.
Organisationen, die Struktur nicht mit Starrheit verwechseln, sondern als lebendigen Rahmen begreifen, schaffen Umfelder, in denen vielbegabte Menschen nicht als Ausnahme, sondern als Ressource verstanden werden. Das ist ein Perspektivwechsel, der Unternehmen zukunftsfähig macht.
Mut zur neuen Führungsarchitektur
Unternehmen, die den Mut haben, diese neuen Berufsbilder zu etablieren, profitieren doppelt: Sie gewinnen an Geschwindigkeit und Entscheidungsfähigkeit, und sie schaffen Umgebungen, in denen Menschen arbeiten, die Komplexität nicht scheuen, sondern produktiv nutzen.
Ein vertiefender Blick in aktuelle Entwicklungen findet sich im Buch «Chief of Staff» von Katrin Stigge und Natascha Zimmermann, das das Berufsbild erstmals im deutschsprachigen Raum systematisch beschreibt. Das Anfang 2026 erscheinende Buch «CEO Office» – verfasst von Senator Dan Bauer und Katrin Stigge – vertieft diesen Ansatz und zeigt die Führungsarchitektur des CEO Office als Zusammenspiel von CEO, Chief of Staff und Executive Business Partnerin.
Die Autorin
Katrin Stigge ist Gründerin einer Business School & Community und vereint Expertise in Führungskräfteentwicklung, Job Design, Personal Branding und Community Management. Sie bietet als Erste eine deutschsprachige Weiterbildung zur Chief of Staff aus der Assistenzrolle und ist Autorin des
gleichnamigen Grundlagenwerkes beim Springer Gabler Verlag.
www.katrinstigge.com
Publikation in Zusammenarbeit mit:
Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 25-4
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