Decken sich die Bedürfnisse Schweizer KMU in Sachen IT mit den Plänen der IT-Anbieter für das Jahr 2026? Und was meinen ausgewiesene Fachpersonen zu den Trends? Der topsoft Trendkompass 2026 geht diesen Fragen auf den Grund. Hier lesen Sie die Antworten des ERP-Experten Ralf Bachthaler.

Ralf Bachthaler ist CSO und Mitglied des Vorstands bei Asseco. In dieser Rolle trägt er die Gesamtverantwortung für Vertrieb und Marketing und zeichnet massgeblich für den Ausbau von Marktanteilen in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien verantwortlich. Zudem ist er Präsident des Verwaltungsrats der Asseco Solutions Schweiz.
Welche IT-Entwicklungen prägen 2026 den Erfolg von KMU?
An Künstlicher Intelligenz kommt 2026 niemand mehr vorbei. Wettbewerbsdruck und Fachkräftemangel verschärfen sich immer weiter. Für Unternehmen wird es essenziell, Komplexität zu reduzieren und Produktivität und Effizienz zu erhöhen. Derzeit sehe ich keine andere Technologieinnovation, die für diesen Zweck ein so hohes Potenzial birgt wie KI – wenn man zuvor die richtigen Voraussetzungen schafft.
Welche IT-Themen und Innovationen stehen 2026 bei Ihnen im Fokus?
Zum einen werden wir unsere technischen Innovationen weiter vorantreiben und insbesondere auf eine noch umfassendere Unterstützung ganzer Prozessketten durch KI setzen. Auch die weitere Optimierung von Usability ist ein Faktor. Gleichzeitig fokussieren wir uns auf unsere Kunden und ihre KI-Projekte. Gerade in diesen dynamischen Zeiten ist es wichtig, Orientierung und Unterstützung anzubieten.
Welche KI-Fragen bewegen Ihre Kunden im Jahr 2026?
Eine zentrale Frage, die wir immer wieder hören, lautet: «Wie können wir sicher sein, dass sich unsere KI-Investitionen auch wirklich auszahlen?» Diese Bedenken sind nicht unbegründet. KI-Erfolg ist eine Frage der richtigen Herangehensweise. Wer etwa KI-Unterstützung für seine Prozesse sucht, muss der KI zunächst einmal die Prozesse vermitteln. Hier nehmen wir Kunden bei Bedarf gerne an die Hand.
Digitalisierung, Transformation, Automatisierung: Was hat sich seit 2025 verändert – und wo stehen KMU heute?
Gerade was die Einstellung der Unternehmen betrifft, hat sich 2025 viel verändert. Wir sehen das ganz konkret in unseren Kundengesprächen, etwa, wenn wir zu unserem innovativen ERP-Nutzungsmodus Flow Mode informieren. Der APplus Flow Mode ermöglicht Usern eine prozessorientierte Herangehensweise an ihre tägliche Arbeit. Man muss sich nicht länger selbst durch die Masken des ERP klicken. Der Flow Mode führt User Schritt für Schritt durch ihre jeweilige Aufgabe. Das beschleunigt die täglichen Abläufe enorm. Doch Neuem begegnet man mit Skepsis: «Warum brauche ich das? Das ging doch bisher auch gut.»
Hier hat sich im vergangenen Jahr ein deutliches Umdenken vollzogen. Unternehmen sehen immer stärker, dass sie an Effizienzsteigerungen und KI-Einsatz nicht mehr vorbeikommen. Und gleichzeitig sehen sie, dass entsprechende Projekte nicht nur Vorteile versprechen, sondern tatsächlich auch liefern. Heute gehen wir nahezu aus keinem Kundengespräch mehr heraus, in dem nicht die Vorteile dieses neuen Ansatzes erkannt wurden.
Was sollten KMU 2026 nicht tun, wenn sie digital erfolgreich sein wollen?
Gerade vor dem Hintergrund des anhaltenden Megahypes um KI sollten Unternehmen aus meiner Sicht auf keinen Fall in Torschlusspanik verfallen und auf die Schnelle einfach «irgendwas mit KI» implementieren. Hier sehe ich ein nicht unerhebliches Risiko, dass sich Investitionen tatsächlich nicht bezahlt machen. Und – was fast noch schlimmer ist – in der Folge KI-Frustration entsteht. Schuld an gescheiterten Projekten ist jedoch meist nicht die Technologie selbst, sondern eine unzweckmässige Umsetzung.
Bleiben wir bei dem Beispiel, das ich zuvor schon einmal angerissen habe: Wer möchte, dass KI aktiv an Abläufen mitarbeitet, muss der KI einen digitalen Prozessplan bereitstellen, an dem sie sich orientieren kann. Welche Arbeitsschritte sind der Reihe nach erforderlich? Welche Informationen brauche ich, um zum nächsten Schritt überzugehen? Ohne eine genaue Anleitung kann die KI die Aufgabe nicht zur Zufriedenheit erfüllen. Es gilt, vor jedem KI-Einsatz die richtigen Voraussetzungen zu schaffen. Dann – und nur dann – stellt sich auch der gewünschte Erfolg ein.
Welcher einzelne Trend oder welche Entwicklung wird 2026 Ihrer Meinung nach am meisten überschätzt – und welcher wird unterschätzt?
Passend zu dem gerade genannten Beispiel wird meiner Meinung nach die Digitalisierung von Prozessen unterschätzt. Das klingt altbekannt und trivial. Aber digitale Prozesse bilden in der Tat das zentrale Fundament, das wiederum grosse Trends wie KI benötigen, um sich sinnvoll in den konkreten Geschäftsalltag einzufügen. Und Unternehmen haben hier in der Tat noch grossen Nachholbedarf.
Überschätzt wird hingegen viel zu oft das Potenzial von KI, für jedes beliebige Problem die perfekte Antwort zu liefern. KI birgt zweifellos beeindruckende Möglichkeiten, aber es ist kein Allheilmittel für alles. Um wirklich damit Erfolg zu haben, muss man sich im Klaren sein, was man erreichen möchte, welche Tools dafür geeignet sind und welche Voraussetzungen zuvor ganz konkret geschaffen werden müssen.
Carte Blanche
Was wir 2026 am meisten benötigen, ist die langersehnte wirtschaftliche Trendwende – und ich hoffe sehr, dass das neue Jahr hierzu der Auftakt sein wird. Wir brauchen wieder ein positives Innovations- und Investitionsklima, sodass Unternehmen positiv und mit neuem Schwung in die Zukunft blicken können.
Insbesondere vor diesem Hintergrund erscheint es mir wichtig, mit einer positiv-realistischen Grundhaltung an die KI-Thematik heranzugehen: Weder KI als Allheilmittel für alles anzusehen, noch seinen Nutzen im Business-Kontext komplett abzutun.
Sowohl um den Aufschwung vorzubereiten als auch um ihn dann bestmöglich zu nutzen, müssen wir realistische Szenarien identifizieren, in denen KI wirklich Mehrwert stiften kann – im Kontext der KI-Forschung, aber auch bei der Umsetzung konkreter Projekte. Nur so kann sich aus meiner Sicht ein positiver Kreislauf in Gang setzen, bei dem echte erzielte Vorteile zum besten Advokaten werden für einen wirklich wertschöpfenden Einsatz von KI.