Potenzial von Künstlicher Intelligenz in der Produktion

16.01.2026
7 Min.

Die industrielle Produktion steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Künstliche Intelligenz entwickelt sich dabei zur Schlüsseltechnologie, um Prozesse effizienter, flexibler und widerstandsfähiger zu gestalten. Angesichts des Fachkräftemangels bieten KI-Lösungen vielversprechende Ansätze, ein Forschungsprojekt zeigt, welche Potenziale sich daraus für die Praxis ergeben.

 

Symbolbild Copilot

 

Die Revolution der Produktion durch Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz ermöglicht zum Beispiel eine selbstlernende Steuerung und vorausschauende Überwachung von Fertigungsprozessen. Sie eröffnet völlig neue Möglichkeiten für eine zukunftssichere, anpassungsfähige und ressourcenschonende Produktion. Unternehmen, die frühzeitig in den Einsatz von KI investieren, können sich entscheidende Vorteile sichern. Neben einer höheren Effizienz und geringeren Produktionskosten profitieren sie von einem klaren Wettbewerbsvorteil. Sie können besser auf dynamische Marktveränderungen zu reagieren, innovative Geschäftsmodelle auf Basis datengetriebener Entscheidungen entwickeln und ihre Wertschöpfung nachhaltig steigern.
 
Ein gezielter und strategischer Einsatz von KI kann dazu beitragen, industrielle Produktionsprozesse in vielerlei Hinsicht zu optimieren. Moderne Algorithmen analysieren in Echtzeit riesige Datenmengen, erkennen Muster, treffen präzise Vorhersagen und ermöglichen dadurch eine proaktive Steuerung der Produktion. Maschinen sind nicht nur in der Lage, Fehler frühzeitig zu erkennen, sondern auch eigenständig Korrekturmassnahmen einzuleiten. Dies führt nicht nur zu einer deutlichen Steigerung der Produktqualität, sondern reduziert gleichzeitig den Arbeitsaufwand für Fachkräfte, sorgt für eine bessere Ressourcennutzung und ist langfristig mit erheblichen wirtschaftlichen Vorteilen verbunden.
 
Besonders im Zusammenhang mit dem Trend zur hochgradig individualisierten Fertigung, der Mass Customization, spielt KI eine entscheidende Rolle. Selbstlernende Algorithmen und intelligente Produktionsnetzwerke ermöglichen eine dynamische Anpassung von Fertigungsprozessen an veränderte Bedingungen und Kundenanforderungen. Damit wird es möglich, massgeschneiderte Produkte mit der Effizienz einer Serienproduktion herzustellen und gleichzeitig Produktionskosten zu senken.
 

Starke versus schwache KI und der aktuelle Stand der Technik

Künstliche Intelligenz lässt sich grundsätzlich in starke und schwache KI unterteilen. Während eine starke KI als langfristige Vision betrachtet wird, die sich durch menschenähnliches Denkvermögen und eigenständige Problemlösungsfähigkeiten auszeichnet, handelt es sich bei schwacher KI um spezialisierte Systeme, die auf konkrete Aufgaben optimiert sind. Dazu zählen beispielsweise Machine Learning, Computer Vision oder natürliche Spracherkennung (NLP), die bereits heute in vielen Industriebereichen zum Einsatz kommen. Der aktuelle technologische Fokus liegt ausschliesslich auf schwacher KI. Eine starke KI, die eigenständig denken und handeln könnte, bleibt bislang hypothetischer Natur. 
 
Obwohl zahlreiche Forschungsprojekte darauf abzielen, leistungsfähigere KI-Modelle zu entwickeln, existieren derzeit keine realen Anwendungen für eine starke KI. Experten gehen davon aus, dass solche Systeme frühestens gegen Ende des 21. oder Anfang des 22. Jahrhunderts realisierbar sein könnten. Bis dahin bleibt die Weiterentwicklung spezialisierter KI-Methoden der zentrale Treiber der technologischen Entwicklung. [1]
 
Ein Blick auf die industrielle Praxis zeigt, dass der Einsatz von KI in Unternehmen noch begrenzt ist. Eine Studie der ETH Zürich unter der Leitung von Prof. Torbjörn Netland zur Nutzung von KI in der Schweizer Tech-Branche ergab, dass bislang nur wenige Unternehmen KI-Technologien tatsächlich effektiv und gewinnbringend einsetzen. Allerdings planen viele Firmen ihre Investitionen in diesem Bereich in den kommenden drei Jahren erheblich auszubauen, um Wettbewerbsvorteile zu sichern. Trotz des enormen Potenzials gibt es weiterhin eine gewisse Zurückhaltung gegenüber KI, insbesondere aufgrund von Unsicherheiten hinsichtlich der technologischen Weiterentwicklung, der wirtschaftlichen Rentabilität und regulatorischer Rahmenbedingungen. Ein weiteres zentrales Hemmnis ist der anhaltende Fachkräftemangel. Die Entwicklung, Implementierung und Wartung leistungsfähiger KI-Systeme erfordert hochqualifiziertes Personal, das auf dem Arbeitsmarkt aktuell nur schwer zu finden ist. Dies stellt für viele Unternehmen eine grosse Herausforderung dar, die den flächendeckenden Einsatz von KI bremst. [2]
 

Wo kann KI in der Produktion wirklich glänzen und wo gibt es noch Hürden?

In der Fertigung zeigt KI den grössten Nutzen in der Qualitätssicherung. Computer-Vision-Systeme ermöglichen eine automatisierte Fehlererkennung, wodurch Produktionsfehler frühzeitig identifiziert werden. Das verbessert nicht nur die Fehleraufdeckung, sondern reduziert auch Ausschuss und Rückläufer, und spart somit Kosten ein. Laut Gartner [4] ist diese Technologie bereits ausgereift genug, um breitflächig in der Industrie eingesetzt zu werden.
 
Auch im Bereich der Prozessautomatisierung gibt es interessante Möglichkeiten. In administrativen Abläufen kann KI, insbesondere Deep Learning, Prozesse effizienter gestalten. Anwendungsfälle reichen von der Anomalie-Erkennung über die Datenauswertung bis hin zur automatisierten Datenpflege.
 
Aber trotz aller Chancen gibt es auch Hürden, die den Einsatz von KI ausbremsen. Eine der grössten Herausforderungen ist die Datenqualität. KI-Modelle sind nur so gut wie die Daten, mit denen sie trainiert werden, und hier liegt oft das Problem. Nicht die Datenerhebung selbst ist das Hauptproblem, sondern die richtige Strukturierung und Aufbereitung der Daten. Dafür fehlt es an Fachpersonal, welches in der Lage ist, komplexe Datenstrukturen zu verstehen und gezielt nutzbar zu machen.
 
Zudem steckt das Thema Data Governance noch in den Kinderschuhen. Klare Standards und Richtlinien zur Verwaltung und Sicherstellung der Datenqualität fehlen aktuell noch weitgehend. Dies erschwert eine langfristige und nachhaltige Implementierung von KI erheblich.
 
Und dann gibt es noch den menschlichen Faktor. Die beste KI nützt wenig, wenn die Unternehmenskultur nicht mitzieht. Eine datengetriebene Denkweise muss sich im Unternehmen erst etablieren, denn nur wenn alle Mitarbeitenden den Wert von Daten verstehen und aktiv zu deren Qualität beitragen kann KI ihr volles Potenzial entfalten.
 

Wo stehen wir und wohin geht die Reise?

Die Analyse macht deutlich, dass Künstliche Intelligenz längst kein Zukunftsthema mehr ist, sondern bereits heute wertvolle Einsatzmöglichkeiten bietet. Besonders in den Bereichen Computer Vision und Prozessautomatisierung zeigt sich ihr Potenzial. So kann Deep Learning helfen, komplexe Unternehmensdaten effizient zu analysieren, während Robotic Process Automation repetitive, zeitaufwendige Aufgaben übernimmt und damit Mitarbeitende entlastet. Unternehmen sollten daher gezielt prüfen, welche Tätigkeiten sich für die Automatisierung eignen und wie KI-Technologien sinnvoll integriert werden können, um die Belegschaft bei wertschöpfenden Aufgaben zu unterstützen und entlasten.
 
Ein weiteres spannendes Feld ist die generative KI, die bereits im Arbeitsalltag angekommen ist. Hierbei stellt sich allerdings die Frage ob Unternehmen eigene generative KI-Systeme entwickeln sollten, um sensible Daten zu schützen. Diese Investition will gut überlegt sein, denn der Aufbau einer sicheren, leistungsfähigen KI-Infrastruktur ist ressourcenintensiv. Eine Alternative könnte die Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Technologieanbietern darstellen, bei denen klare Datenschutzvereinbarungen getroffen werden.
 
Noch in den Startlöchern steht das Konzept der Composit AI – eine Technologie, die verschiedene spezialisierte KI-Modelle, wie natürliche Sprachverarbeitung, Maschinelles Lernen und Computer Vision, miteinander kombiniert, um noch präzisere und flexiblere Lösungen zu ermöglichen. Laut Gartner [4] ist diese Entwicklung zwar noch nicht für den breiten industriellen Einsatz bereit, könnte aber in naher Zukunft eine entscheidende Rolle spielen.
 
Zusammenfassend ist eine offene Haltung gegenüber KI in Unternehmen essenziell, um nicht den Anschluss zu verlieren. Bestehende Systeme sollten modernisiert und interne Abläufe regelmässig daraufhin überprüft werden, in welchen Bereichen KI gewinnbringend eingesetzt werden kann. Pilotprojekte können helfen, erste Erfahrungen zu sammeln und die technologische Entwicklung gezielt voranzutreiben.
 
Am Ende wird der Erfolg von KI in der Industrie davon abhängen, wie gut Unternehmen eine nachhaltige Strategie entwickeln und das notwendige Know-how intern aufbauen. Wer hier vorausschauend handelt, kann sich langfristig einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sichern und aktiv die Zukunft der intelligenten Produktion mitgestalten.
 
 

Welche KI-Technologien sind 2025 entscheidend?

Der im Rahmen des Forschungsprojektes entwickelte Technology Radar (siehe Bild) bietet eine fundierte Einschätzung dazu, welche KI-Technologien im Jahr 2025 strategisch besonders relevant sein könnten. Basierend auf erhobenen Daten und Fachliteratur bewertet es aktuelle Entwicklungen, Potenziale und mögliche Einsatzgebiete.
 
Der Nutzen? Unternehmen erhalten eine klare Orientierungshilfe, um gezielt in zukunftsweisende KI-Lösungen zu investieren. Durch die Kategorisierung und Priorisierung der Technologien können sie nicht nur aktuelle Trends besser einordnen, sondern auch interne Anwendungsfälle frühzeitig identifizieren. Dies hilft fundierte Entscheidungen zu treffen und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
 
Kurz gesagt: Der Technology Radar ist kein Blick in die Glaskugel, sondern eine strategische Landkarte, die Unternehmen zeigt, wo es sich lohnt, genauer hinzusehen und wo vielleicht noch Vorsicht geboten ist.
 
Quellen
[1] C. Lanquillon, Knowledge Science – Grundlagen, 1. Auflage, Heilbronn: 2023
[2] T. Netland, Studie zu KI in der Schweizer Tech-Branche, ETH Zürich, 2024
[3] I. Knappertsbusch, Arbeitswelt und KI 2030, 1. Auflage, Köln: 2021
[4] Gartner, Inc., Hype Cycle for Artificial Intelligence 2024, Nov. 2024. [Online, Zugriff am 23. Feb. 2025]
 

 

Weiterbildung: CAS Digital Industry

Entdecken Sie die Chancen der industriellen Digitalisierung. Mit Themen wie Industrie 4.0, Smart Factory und Künstlicher Intelligenz lernen Sie, Produkte zu individualisieren, neue Dienstleistungen zu entwickeln und Kosten zu senken. Im CAS Digital Industry vermitteln wir praxisnah das Vorgehen bei Digitalisierungsprojekten, erklären die wichtigsten Technologien und geben Einblick in aktuelle Trends.

Nächster Start: 6. März 2026
Weitere Informationen
 
 

Die Autoren

Lukas Brunner analysiert gemeinsam mit Prof. Markus C. Krack am Institut für Business Engineering der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW unter anderem, wie Künstliche Intelligenz die industrielle Produktion verändert.  www.fhnw.ch/technik/ibe

 

 

Der Beitrag erschien im topsoft Fachmagazin 25-4

 

Das Schweizer Fachmagazin für Digitales Business kostenlos abonnieren

Abonnieren Sie das topsoft Fachmagazin kostenlos. 4 x im Jahr in Ihrem Briefkasten.