Seit 25 Jahren prägt Daniela Küttel die Neugass Kino AG. In einer Zeit, in der immer mehr Kinos schliessen, kämpfen unabhängige Häuser ums Überleben: Der digitale Wandel ist dabei die grösste Herausforderung. Dieser Beitrag fasst ihr Referat am KMU Fachforum 2025 zusammen und zeigt, mit welcher mutigen Strategie und welchen Massnahmen das Unternehmen diesem Druck begegnet, und wie die Digitalisierung nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance wahrgenommen wird.

Daniela Küttel am KMU Fachforum 2025
Die Herausforderung: Digitaler Druck und das Kinosterben
Der Kinomarkt befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Für unabhängige Betreiber abseits der national tätigen Kinoketten, wie BlueCinema oder Pathé, ist das Überleben nur mit einer klaren strategischen Ausrichtung möglich – und alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Der durch die digitale Transformation ausgelöste branchenweite Druck hat zu einer Marktbereinigung geführt, die viele traditionsreiche Häuser nicht überstanden haben. Das Thema ist daher von existenzieller Bedeutung für die gesamte Kinolandschaft.
Die Digitalisierung ist für die Kinobranche keine abstrakte Bedrohung, sondern eine alltägliche Realität, die das Geschäft "sehr stark und jeden Tag" beeinflusst.
Die Herausforderung besteht darin, technologisch Schritt zu halten und dein Geschäftsmodell so weiterzuentwickeln, dass es in einem von Streaming-Diensten und veränderten Konsumgewohnheiten geprägten Umfeld nachhaltig funktioniert.
Das Ziel ist klar formuliert: Dem Trend des Kinosterbens aktiv entgegenzuwirken. Im Fokus steht dabei nicht die wirtschaftliche Existenzsicherung einfach um des Überlebens Willen, sondern die Überzeugung, dass das Angebot eine gesellschaftliche Relevanz hat.
Daniela Küttel, Mitglied der Geschäftsleitung der Neugass Kino AG, brachte die Dringlichkeit anlässlich ihres Referats am KUM Fachforum 2025 so auf den Punkt:
“Wir sind überzeugt, dass das Schauen von Filmen den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Im Kino tauchen wir in andere Welten ein, werden mit fremden Lebenskonzepten und kulturellen Prägungen vertraut, können historische oder gesellschaftliche Entwicklungen und Zusammenhänge verstehen. Dies fördert die Empathie- und Identifikationsfähigkeit.”
Die Neugass Kino AG begegnete dieser Herausforderung nicht mit Zögern, sondern mit einer Reihe mutiger unternehmerischer Entscheidungen.
Die Strategie: Eine Geschichte der Resilienz und des Muts
Die Antwort der Neugass Kino AG auf die Branchenkrise ist nicht reaktiv. Sie wurzelt vielmehr in einer Unternehmensgeschichte, die von proaktivem Handeln geprägt ist. Anstatt sich dem Marktdruck zu beugen, hat das Unternehmen in entscheidenden Momenten antizyklisch investiert und damit die Weichen für seinen heutigen Erfolg gestellt.
Die Geschichte beginnt 1998 mit der Gründung der Gesellschaft und der Eröffnung des ersten Hauses, des Kinos Riffraff in Zürich. Ein entscheidender Wendepunkt folgte in den Jahren 2004 bis 2007 - eine Phase, welche die strategische DNA des Unternehmens offenlegt.
In einer Zeit, in der andere Betreiber aufgaben, begann die Neugass Kino AG eine mutige Doppelstrategie aus Konsolidierung und Expansion. Einerseits übernahm sie 2004 in Luzern die damaligen Kino Pix (zwei Säle, heute Kino Bourbaki) und das Kino Atelier aus dem Konkurs einer Betreiberfirma.
Daniela Küttel, die selbst Teil dieser Übernahme war, beschreibt diesen Moment mit einem Schmunzeln: "Ich bin quasi Teil von der Konkursmasse, die mit übernommen worden ist."
Es folgte eine Phase der Konsolidierung. 2006 wurde das Atelier (Einzelkino) geschlossen, 2007 demonstrierte sie ihren Wachstumswillen mit der Übernahme des Gastrobetriebs im Erdgeschoss des Bourbaki Panoramas und dem Bau von zwei zusätzlichen Sälen an diesem Standort. Diese Kombination aus risikoreicher Übernahme, Schliessung des einen Betriebs und mutiger Erweiterung war nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung, sondern ein klares Bekenntnis zum physischen Ort Kino. Dieses Bekenntnis wurde 2014 mit der Neueröffnung des in der Schweiz ersten voll digital konzipierten Kinos Houdini in Zürich bekräftigt.
Die folgenden Jahre waren geprägt vom schnell fortschreitenden gesellschaftlichen Wandel, ausgelöst durch die Digitalisierung. Die Pandemie führte zu einer Beschleunigung dieser Entwicklung, ein Teil der Filmkonsums verschob sich nachhaltig in den digitalen Raum.
Die Neugass Kino reagierte darauf mit einem eigenen, kuratierten Streaming-Angebot. Auf der Plattform cinu.ch lassen sich Tickets für die Kinovorstellungen kaufen und Filme On Demand streamen.
Gleichzeitig wurde klar, dass die rückläufigen Eintritte nicht über zusätzliche betriebliche Erträge kompensiert werden können. Die Firma befindet sich seit 2021 in der Transformation zu einem Kulturbetrieb und bemüht sich an ihren Standorten, als solcher anerkannt zu werden und so auch auf der lokalen Ebene Subventionen zu erhalten, um ihre wirtschaftliche Tätigkeit zu sichern. Sie nimmt damit schweizweit eine Vorreiterrolle ein in Bezug auf die Anerkennung von Independent-Kinos als Teil eines kulturellen Grundangebots.
Die Strategie des Unternehmens war und ist bis heute kein abstraktes Konzept, die daraus abgeleiteten Massnahmen werden in einer hohen Dynamik entwickelt und umgesetzt. Dies ist möglich Dank einer engagierten Geschäftsleitung und einem Verwaltungsrat, welcher bereit ist, unternehmerische Risiken mitzutragen.
Der Ausblick: Überleben durch Erfahrung und Engagement
In einer sich schnell wandelnden Branche wie der Filmwirtschaft sind langfristiges Engagement und tiefgreifende Erfahrung entscheidende Wettbewerbsvorteile. Die Neugass Kino AG stützt ihre Zukunftsfähigkeit auf genau diese Pfeiler. Mit ihrer 25-jährigen Betriebszugehörigkeit verkörpert Daniela Küttel diese Kontinuität. Sie hat die Digitalisierung "von A bis Z mitgemacht" und verfügt damit über eine Kernkompetenz, die für die strategische Steuerung des Unternehmens von unschätzbarem Wert ist.
Die bisherigen unternehmerischen Entscheidungen zeigen deutlich, dass die Zukunftsstrategie des Unternehmens auf proaktivem Handeln und nicht auf passivem Abwarten beruht. Dieser Ansatz wird durch die Eigentümerstruktur zusätzlich gestärkt.
Hinter der Neugass Kino AG stehen keine institutionellen Investoren, sondern ein Aktionariat aus 15 film- und kinoaffinen Privatpersonen, welche sich seit vielen Jahren mit ihrem privaten Vermögen für die Zürcher und Luzerner Kinokultur engagieren. Diese Struktur schafft eine direkte Verbindung zwischen Kapital und Vision. Anders als bei einem Fokus auf Quartalsergebnisse sichert sie eine langfristige Perspektive, die auf den nachhaltigen Erfolg und die kulturelle Mission des Unternehmens ausgerichtet ist.
Fazit aus meiner Sicht
Der Vortrag von Daniela Küttel zeigte eindrücklich, dass das Überleben von Independent-Kinos im digitalen Zeitalter möglich ist, wenn die richtigen strategischen Weichen gestellt werden.
Ihre Ausführungen machen drei zentrale Erfolgsfaktoren deutlich:
- Die ungeschönte Anerkennung der Realität
Die Digitalisierung wird als massive und alltägliche Herausforderung verstanden, der man sich aktiv stellen muss. - Bewiesene Resilienz und strategischer Mut
Mit einer durchdachten Strategie hat das Unternehmen seine Widerstandsfähigkeit und seinen Gestaltungswillen eindrücklich unter Beweis gestellt. - Die Kraft des Engagements
Die Kombination aus der langjährigen Erfahrung der Führungskräfte und dem persönlichen finanziellen Engagement der Eigentümer schafft eine stabile Grundlage für eine nachhaltige Zukunft.
Der Case der Neugass Kino AG ist für mich ein Lehrstück für strategisches Management in Krisenzeiten.
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Dieser Text nimmt Bezug auf den Vortrag von Daniela Küttel am KMU Fachforum 2025.
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